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Langes Sitzen soll 3,8 Prozent aller Todesfälle erklären

Donnerstag, 24. März 2016
Langes Sitzen soll 3,8 Prozent aller Todesfälle erklären

Wer noch einen letzten Anstoß für einen Osterspaziergang oder für mehr sportliche Aktivität am Beginn des Frühlings braucht, findet ihn in Berechnungen, die Leandro Rezente von der Uni von Sao Paulo jetzt im American Journal of Preventive Medicine (2016; doi: J10.1016/j.amepre.2016.01.022) vorstellt. Exzessives Sitzen – und damit sind bereits drei Stunden oder mehr am Tag gemeint – sind für 3,8 Prozent aller Todesfälle verantwortlich, hat Rezente herausgefunden. Nach einer anderen Berechnung verkürzt das Sitzen das Leben um 0,2 Jahre.

Die Zahlen beruhen im Wesentlichen auf den Ergebnissen einer Meta-Analyse, die Josephine Chau von der Universität Sydney und Mitarbeiter vor drei Jahren in PLoS ONE (2013; 8: e80000) vorgestellt hatten. Chau hatte herausgefunden, dass langes Sitzen mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden ist. Rezente hat die Hazard Ratios jetzt mit der Prävalenz des Sitzens in 54 Ländern in Beziehung gesetzt und das attributive Risiko auf Bevölkerungsebene (PAR) berechnet. 

Die größten Stubenhocker gibt es demnach im Libanon. Dort wären 11,6 Prozent aller (vorzeitigen) Todesfälle vermeidbar, wenn die Bevölkerung sich häufiger aus dem Sitzen erheben würde. Deutschland ist an Position 15 mit einem Anteil von 4,8 Prozent aller Todesfälle.

Als Mechanismen gibt Rezente die verminderte NO-Bildung in den Endothelien an (was die Gefäße eng stellt und den Blutdruck erhöht). Nachgewiesen sei auch eine Reduzierung der Glukosetransporter Typ 4 (was die Insulinresistenz und damit einen Typ 2-Diabetes fördert) oder eine verminderte Aktivität von Lipoproteinlipase (die Triglyzeride abbaut).

dr.med.thomas.g.schaetzler am Sonntag, 8. Mai 2016, 19:24
Entlarvende Meta-Meta-Analyse!
Was für ein Unfug: "Die größten Stubenhocker gibt es demnach im Libanon. Dort wären 11,6 Prozent aller (vorzeitigen) Todesfälle vermeidbar, wenn die Bevölkerung sich häufiger aus dem Sitzen erheben würde."

Diesen Unsinn kann man nicht oft genug nachlesen, wie sich die (pseudo-)wissenschaftlichen Autoren bis auf die Knochen blamieren. Wenn bei den Libanesen 11,6 Prozent aller (vorzeitigen) Todesfälle dort angeblich vermeidbar wären, warum will dann wohl die Bevölkerung sich nicht häufiger aus dem Sitzen erheben…???

Weil sie nicht draußen im Kugelhagel des Bürgerkriegs vorzeitig gewaltsam sterben will, lautet die richtige Antwort!!!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
dr.med.thomas.g.schaetzler am Mittwoch, 6. April 2016, 13:00
Im Sitzen lauert der Tod
TV- und PC-Nutzung, (Büro- und Behörden-)Sitzungen, Chats, Autofahren und das Lebensende im Rollstuhl verbringen? Der Tod rückt im Sitzen näher! “Television Viewing, Computer Use, Time Driving and All-Cause Mortality: The SUN Cohort” ist der Titel einer Publikation von Francisco Javier Basterra-Gortari et al. im Journal of the American Heart Association (JAHA). Doch von einer echten prospektiven Studie, die eine Hypothese prüft, bestätigt oder verwirft, ist diese Untersuchung weit entfernt. J Am Heart Assoc. 2014; 3:e000864
http://dx.doi.org/10.1161/JAHA.114.000864

Es handelt sich wie so häufig um eine Follow-Up-Studie mit retrospektivem Visus. Niemand kann im Voraus sagen, wie lange er zukünftig im Büro sitzen, fernsehen, Computer benutzen oder Auto fahren werden wird, sondern sich allenfalls bei Befragungen vage erinnern, dass da mal irgendwas mit TV, PC und PKW war: „13 284 Spanish university graduates with a mean age of 37 years were followed-up for a median of 8.2 years“ und wurden per Fragebogen zum Thema Sitzdauer pro Tag dazu befragt.

Ein bekanntes Motto lautet: 'Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft'. E. S. George et al. haben dazu im Int J Behav Nutr Phys Act. Anfang 2013 veröffentlicht: „Chronic disease and sitting time in middle-aged Australian males: findings from the 45 And Up Study”
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3571940/
Sie fanden einen positiven Zusammenhang zwischen der täglichen Sitzdauer und dem Auftreten von Diabetes mellitus bzw. anderen chronischen Krankheiten im Rahmen einer ebenfalls retrospektiven Krankheits-Register-Studie.

Damit ihre Erkenntnisse nicht auf dem Niveau bleiben: 'Je flacher die Atmung, desto schlechter die Lungenfunktion', forderten sie ebenfalls prospektive Studien zur Klärung eines Kausalitäts-Zusammenhangs. Denn nicht nur Bewegungsmangel und das viele Sitzen allein lassen Krankheiten entstehen. Sondern auch und gerade die krankheits- und behinderungsbedingten Bewegungs- und Leistungs-Einschränkungen diktieren u. a. die tägliche Sitzdauer. Andernfalls müssten Bus- und Taxifahrer, Piloten, Rennfahrer, Büro- und Verwaltungsangestellte, im Deutschen Ärzteblatt Kommentare schreibende Kollegen/-innen oder Pförtner reihenweise Bewegungsmangel bedingt krank werden und tot umfallen.

Erst die ABC-Morbidität von Adipositas, Bewegungsmangel und Co-Faktoren wie metabolisches Syndrom, Hyperinsulinismus, endokrine Pankreasinsuffizienz, Insulinresistenz, idiopathische und genetisch-hereditäre Faktoren machen z. B. den Typ-2-Diabetes mellitus aus.

Nach einer Analyse des australischen "AusDiab-Registers" aus dem Jahr 2011 soll sechs Stunden täglicher Fernsehkonsum das Leben im Mittel um fünf Jahre verkürzen (Br J Sports Med 2011, online 15. August). Unter Verwechslung von Wirkung und Ursache wurde die unsinnige Hypothese aufgestellt, dass "Fernsehkonsum von 6 Std. tgl." s e l b s t aktiv das Leben verkürzen könne.

Andernorts wurde sogar publiziert, möglichst wenig fernzusehen, reduziere präventiv die Prävalenz von Typ-2-Diabetes (JAMA. 2011;305(23):2448-2455). Aber entscheidend bleibt doch: Wir sterben wegen der Endlichkeit aller Lebensvorgänge u n d weil wir uns vor dem Sterben über kurz oder lang nicht mehr so viel bewegen können.

Daran können selbst Meta-Analysen von Meta-Analysen nichts ausrichten!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund