aerzteblatt.de

Können Antibiotika das Gehirn verwirren?

Dienstag, 23. Februar 2016
Können Antibiotika das Gehirn verwirren?

Antibiotika können epileptische Anfälle und Halluzinationen auslösen. Davon ist der Neurologe Shamik Bhattacharyya vom Brigham and .Women's Hospital in Neurology überzeugt, seit er zu einer 20-jährigen Patientin gerufen wurde, die an einer Colitis ulcerosa litt und mit dem Antibiotikum Metronidazol behandelt worden war.

Die bisher neuropsychiatrisch unauffällige Frau war verwirrt und hatte sichtbare Mühe, beim Gehen einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als die Ärzte das Antibiotikum abgesetzt hatten, klangen die Symptome langsam wieder ab. Für Bhattacharyya war dies ein Anlass zu einer Literaturrecherche zur Antibiotika-assoziierten Enzephalopathie. Sie förderte insgesamt 391 Fälle aus den letzen sieben Jahrzehnten zutage.

Die Patienten waren mit 54 verschiedenen Antibiotika aus 12 unterschiedlichen Wirkstoffklassen behandelt worden. Darunter waren häufig verordnete Antibiotika wie Ciprofloxacin oder Sulfonamide, aber auch intravenöses Penicillin und Cefepim, die in der Regel nur in der Klinik eingesetzt werden. Etwa 47 Prozent der Patienten klagten über Wahnvorstellungen oder Halluzinationen, 14 Prozent hatten epileptische Anfälle, 15 Prozent litten unter unwillkürlichen Muskelzuckungen und weitere 5 Prozent hatten die Kontrolle über Körperbewegungen verloren. Bei 70 Prozent der Patienten fanden die Neurologen Auffälligkeiten im EEG. Bei 25 Prozent der Patienten, die ein Delirium entwickelten, lag begleitend ein Nierenversagen vor. 

Fallserien erlauben keine Aussage über die Häufigkeit der Komplikation. Bhattacharyya glaubt aber, dass Antibiotika-assoziierte Enzephalopathien öfter auftreten, als allgemein angenommen wird. Delirien sind gerade auf Intensivstationen, auf denen viele Antibiotika sehr häufig eingesetzt werden, keine Seltenheit. Eine Klassifikation, die Bhattacharyya aufgrund der Literaturberichte erstellt hat, sollte die Aufmerksamkeit auf ein vielleicht unterschätztes Problem lenken.

Beim Typ 1 kommt es vor allem zu epileptischen Episoden. Dieser Typ wurde am häufigsten im Zusammenhang mit Penicillin und Cephalosporinen beschrieben. Der Typ 2 ist durch Symptome einer Psychose gekennzeichnet. Er wurde beispielsweise nach der Gabe von Procain-Penicillin, einem intramuskulär injizierten Depotpenicillin, beschrieben. Aber auch Sulfonamide, Fluorchinolone und Makrolide könnten diese Variante auslösen, vermutet Bhattacharyya. Kennzeichnend für beide Typen ist ein schnelles Einsetzen der Symptome, die innerhalb weniger Tage beginnen und sofort nach dem Absetzen wieder abklingen. 

Ein Typ 3 ist laut Bhattacharyya durch abnormale Befunde in bildgebenden Verfahren gekennzeichnet. Er geht mit Beeinträchtigungen der Muskelkoordination und anderen Anzeichen von Funktionsstörungen des Gehirns einher und wurde bislang nur mit dem Medikament Metronidazol in Verbindung gebracht. Die Symptome traten im Unterschied zum Typ 1 oder 2 nicht innerhalb von wenigen Tagen, sondern erst nach Wochen auf, und die Patienten erholten sich nach dem Absetzen erst allmählich. 

Bhattacharyya gesteht ein, dass die Symptome in vielen Fällen auch von der Infektion herrühren könnten, deretwegen die Antibiotika gegeben wurden. Ein Absatzversuch will deshalb wohl überlegt sein, da er auch zu einer Verschlechterung der Situation führen könnte.