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Playing by the rules?- Wohin uns die Fehltageregelung im PJ führt

Mittwoch, 27. Januar 2016
Playing by the rules?- Wohin uns die Fehltageregelung im PJ führt

Unser PJ- das waren zwölf Monate, gefüllt mit vielen Momenten- schönen und weniger schönen. Es tut gut, sagen zu können, dass bei mir die schönen Momente deutlich überwogen haben. Denn dann gibt es noch die Dinge, die wurmen einen so sehr, dass man sich schwer tut, sie zu vergessen, selbst wann man sie nur aus zweiter Hand erfährt. Angestoßen wurde dieser Blogpost durch die Erfahrung eines engen Freundes, der mir erlaubt hat, ebendiese zu schildern, aus dem einzigen Grund, das Thema möglichst plastisch zu erklären- nicht zur persönlichen Ballastabladung.

Medizinstudierende im praktischen Jahr haben- für den nicht in der Materie steckenden Leser- 30 Fehltage in ihrem praktischen Jahr, welches sich in drei Tertiale gliedert. Zahlenmäßig haben wir also eine durchaus völlig im Rahmen liegende Regelung. Das war nicht immer so: Erst durch Einführung der neuen Approbationsordnung im April 2012 wurde von 20 auf 30 Fehltage aufgestockt. Enthalten darin waren unter anderem die Einführung eines neuen Querschnittfaches und ein hausärztliches Pflichtpraktikum. Nicht mehr enthalten, da ersatzlos gestrichen: Die bis dato beliebten Studientage (1 Tag pro Woche).

Aber zurück zu den Fehltagen: Wichtig ist eine auf sie bezogene Zusatzregelung, nämlich die Begrenzung auf die Inanspruchnahme von maximal 20 Fehltagen innerhalb eines Tertials. Nun muss man kein großartiger Analytiker sein, um zu vermuten, wann die meisten Studenten diese Fehltage einsetzen wollen/müssen, wenn am Ende des praktischen Jahres das 2. mündliche Staatsexamen bevorsteht- da man pro Tertial maximal 20 Tage nehmen darf, versuchen die meisten Studenten genau das: Sie nehmen die 20 Tage am Ende ihres letzten Tertials, um sie als Lernzeit zu verwenden. Die Terminbekanntgabe der mündliche Prüfung muss nicht mehr als 14 Tage vorher erfolgen (...), daher weiß man als Student tatsächlich je nach Organisationsstruktur des eigenen Universität am Ende eines Tertials immer noch nicht seinen Prüfungstermin.

Die meisten handeln also nach dem Motto „Safety first“ und bunkern ihre Fehltage.

Dass dies auch mal schiefgehen kann, ist den meisten bewusst, aber wie der Mensch so ist, können wir das ganz gut verdrängen. Längere Krankheit? Kann vorkommen, ist aber auch- Gott sei Dank- das unwahrscheinlichere Szenario eines durchschnittlichen Jahres. Auch der Plan besagten Freundes ging bis zum Beginn des letzten Tertials nahezu lückenlos auf: Die geplanten Fehltage an Heiligabend und einmal zum Umzug zwischen 1. und 2. Tertial- mehr waren nicht drin, aber das war ja auch gar nicht anders geplant. So startete er bilderbuchmäßig mit 20 übrigen Fehltagen in sein letztes Tertial.

Schwierig ist, dass unsere Fehltageordnung erst einmal nicht zwischen Krankheitstagen und Fehltagen per se unterscheidet: Die Regelmacher interessiert unter dem Strich nicht, ob man mit einer Lungenentzündung im Bett liegt oder eine Woche Mallorca mit seinen besten Freunden gebucht hat.  Für uns- als Studenten- greifen gängige Arbeitnehmerregelungen nicht, obwohl wir ebenfalls fünf Tage die Woche für mindestens acht Stunden im Krankenhaus arbeiten.

Nahezu jeder, den ich kenne, macht das gerne und ich schließe mich da ein. Wir wissen, wir sind noch ganz am Anfang und wollen alles Neue in uns aufsaugen. Daneben nehmen wir Blut ab, legen Zugänge, machen die Aufnahmen. Wir geben uns Mühe und sind stolz, wenn uns zum ersten Mal eine neue Aufgabe gelingt.  Wir wollen ein Teil des Teams werden und versuchen, uns einzubringen, wo wir nur können. Eine Hand wäscht die andere- das ist selbstverständlich.

Warum also die Fehltageregelung mokieren? Irgendwo muss man doch Grenzen setzen?

Weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Dieser Unterschied ist wichtig.

Wir sind wirklich gerne da, wo wir jetzt sind, daraufhin haben wir die vorherigen 5 Jahre hingearbeitet. Wir drücken uns nicht vor Unangenehmem und wir bleiben länger, wenn es die Situation erfordert. Wir versuchen, kompetente Ärzte zu werden und dabei freuen wir uns über Momente, die uns dabei bestärken und Personen, die das Beste aus uns herausholen. Wir engagieren uns, damit wir dem Team zeigen können, wir wollen wirklich mithelfen, es lohnt sich, uns etwas zu zeigen.

Engagement und großer Wille zum Dazulernen schützen aber nicht davor, krank zu werden oder familiäre Notfälle zu haben.

Sie bedeuten nicht, dass das Leben um uns herum plötzlich still steht.

Was dann im letzten Tertial dazwischenkam? Eine Lungenentzündung.

Was dann dazwischenkam, war das Leben: Menschen werden nun mal krank.

Natürlich hätte besagter Freund mit einer Lungenentzündung länger als eine Woche zuhause bleiben sollen. Es ging ja bei Weitem nicht nur um das eigene Wohlergehen: Patienten anzustecken ist im Prinzip unverantwortlich. Nur weil er nicht auf einer Onkologie, sondern in einem Metier arbeitete, in dem die Patienten diesen Erreger ohnehin tagtäglich im Kindergarten begegneten, habe er das halbwegs mit seinem Gewissen vereinbaren können. Richtig wird es deshalb trotzdem nicht.

Er wusste, seine Fehltage würden penibel aufgeschrieben, jeder einzelne. Ein Wochenende durfte er als Kompensation nutzen, mehr nicht. Das war ein Prozedere, das ihm so völlig neu war. Freilich, er war in den anderen beiden Tertialen nie krank gewesen, ihm war aber vom ersten Moment an klar: Wäre das dort passiert, wäre man ihm entgegengekommen: Er hätte zumindest eine Woche länger zuhause bleiben sollen- zu seinem Wohl und zum Schutz der Patienten, und er hätte es dort ohne ein Wimpernzucken mit Diensten kompensieren können.

Jetzt jedoch war alles anders. Endloser Husten und völlige Schlappheit begleiteten ihn acht Wochen lang auf den Fluren der Station. Er sagt, er glaube, dass vieles anders gelaufen wäre, hätte er sich zumindest zwei Wochen lang konsequent schonen dürfen. Wobei, um Missverständnissen vorzubeugen, gedurft hätte er. Sie wurden nur genauestens aufgeschrieben, sodass er sich schon bis zwei Wochen vor seinem zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannten Examenstermin durcharbeiten sah, wenn er die Fehltage jetzt alle nähme. So wünschte er sich nun nichts mehr als einen späten Examenstermin, um, falls es doch gar nicht mehr ginge, und er die restlichen Fehltage nehmen müsste, genug Zeit für eine Pause zu haben und dann zu lernen.

Ein Einzelfall? Leider nein. So erzählte mir eine junge Assistenzärztin während einer Famulatur, sie sei damals während ihres PJs an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt- ihre Assistenzärzte hätte sie dann „gedeckt“, so habe sie nur zu den wöchentlichen Oberarztvisiten erscheinen müssen. In der Überzahl sind solche Begebenheiten aber Gott sei Dank wohl auch nicht. Trotzdem: Jeder massiv erkrankte Student, der sich zur Arbeit schleppt, um Fehltage zu vermeiden, ist einer zuviel.

Innerlich habe ich mich oft gefragt, warum ein Chef, der besagtem Freund zudem noch erklärte, dass er mit ihm zufrieden sei, gleichzeitig bei etwas so penibel ist. Der sieht, dass sich ein PJler ohne sich zu beschweren wirklich zusammenreißt und all seine Kräfte mobilisiert- und es trotzdem einer riesigen Anstrengung gleicht. Muss man in einem solchen Fall wirklich jeden Tag protokollieren?

Menschlich kann jeder diese Frage für sich selbst beantworten.

Bezogen auf die Fehltageregelung selbst hat dieser Chef vor allem eins: Ordnungsgemäß gehandelt.

Und hier liegt des Pudels Kern: Ob wir- bei Krankheit- Fehltage angerechnet bekommen, liegt in der Gunst unserer uns betreuenden Ärzte. Streng genommen, muss jeder Fehltag aufgeschrieben werden. Manche sind aber so nett und erlauben die Kompensation durch z.B. Wochenend- oder Nachtdienste. Sie wissen, dass wir sie am Ende benötigen. Ja, ob es 17 oder 20 Tage am Ende sind, davon hängt kein Studium ab. Aber für Manche, deren Prüfungstermin sehr früh liegt, macht es sehr wohl einen Unterschied, ob sie am Ende 20 Tage oder nur noch 3 haben. Doch das ist nicht der wichtigste Punkt, um den es geht: Mangelnde Schonung würde für sich gesehen schon reichen.

Manche verlangen gar keine Kompensation. Und manche schließlich sehen nur die Regeln, nicht aber den einzelnen PJler und sein Engagement an den sonstigen Tagen und schreiben alles penibel auf- Kompensation ausgeschlossen.

Fassen wir zusammen: Für Jemanden, der ein Durchschnittsjahr erlebt, für den ist die Fehltageregelung völlig in Ordnung. Für alle anderen birgt sie Risiken. Es gibt zwar Absätze, welche die Wiederholung eines Tertials regeln. Sicher ist auch: Jemand der – warum auch immer, die Hälfte seines Tertials verpasst, muss sich fragen, ob eine Wiederholung nicht ohnehin sinnvoller ist.

Für all die anderen Zwischenfälle aber- und wir reden hier ja über einen Zeitraum von maximal 20 Tagen- sind wir auf Ärzte angewiesen, die Regelkonformität nicht ihrer Menschlichkeit überordnen.

Ärzte, die erkennen, wann jemand nur „krank feiert“ und wann ansonsten engagierte PJler, die noch nie nur Dienst nach Vorschrift gemacht haben, einfach mal krank sind. Zu dem Schlag, der beim kleinsten Schnupfen zuhause bleibt, gehören ohnehin die wenigsten Mediziner. Da braucht es schon ein bisschen mehr.

Ärzte, die die aktuelle Situation in einen Gesamtkontext einordnen, in das Bild, das sie bis dahin schon vom PJler gewonnen haben.

So gesehen wird die Regelung nur zum Problem für Studenten, die unter dem falschen Chef krank werden.

Denn diejenigen Ärzte (die meisten), denen ihre Studenten am Herzen liegen, die sehen, dass sowohl die Klinik als auch die Studenten viel mehr davon haben, wenn ein Kranker sich auskuriert und dies vielleicht durch Dienste kompensiert und nicht am Ende zu Lasten seiner Lernzeit- diese Ärzte halten sich ohnehin nicht dogmatisch an die Regelung, die meines Wissens nach nicht explizit das Recht auf Kompensation betont.

Vor den anderen aber müssen wir unsere Studenten beschützen.

Daher wäre es überfällig, darüber nachzudenken, ob man nicht auch offiziell zwischen Urlaubs- und Krankheitstagen unterscheiden sollte, wie es in der Praxis viele Ärzte mit ihren Studenten schon handhaben.

Manch Mühlen mahlen ja trotz engagierten Studenten in der bvmd und im Hartmannbund, die aktuell genau dies fordern (http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/65383/Medizinstudierende-fordern-grundlegende-Reform-des-praktischen-Jahres) bekanntlich langsam, daher können wir, glaube ich, vorerst nur eins tun: Nie vergessen, wie es war, Student zu sein. Was für uns in dieser Zeit wichtig war und worüber wir uns Gedanken gemacht haben. Ein Examen- im Rückblick für manchen Chef vielleicht anspruchsvoll, aber definitiv machbar (was ja auch- aber eben isoliert gesehen- stimmt). Was machen da schon die paar Fehltage? Die extra Belastung durch Krankheit oder andere Ausfallgründe? Bei Krankheit wie in den obigen Beispielen eine unter dem Strich mehrwöchige körperliche Überforderung von –wohlgemerkt- Studenten, bei denen es das eigentliche Ziel sein sollte, sie für ihren späteren Beruf zu rüsten und deren Abwesenheit nebenbei bemerkt ohnehin auch nicht in einem Kollaps der halben Station münden wird? Alles halb so wild.

Wie viel kann jemand fachlich aufnehmen und leisten, der als Ziel hat, die nächsten acht bis zehn Stunden einfach irgendwie durchzuhalten?

Für diejenigen von uns, die das alles zum ersten Mal erlebten: Eine riesige Herausforderung. Ich hoffe nach wie vor auf einfaches nicht- mehr- Bewusstsein bestimmter Dinge anstatt mir einzureden, solche Dinge geschähen in vollem Bewusstsein für die Konsequenzen, die dieses Durcharbeiten mit sich bringt. Leider kommt unter dem Strich das Gleiche heraus.  Zu erkennen, wann eine Regel nicht richtig ist, ist wichtig, vielleicht wichtiger, als sie stoisch zu befolgen. Gute Ärzte werden wir, wenn wir das nicht vergessen. Dass wir einmal diejenigen waren, die da vor ihrem Arzt standen. Und dass wir- ob bis dahin die neuen Regeln durch sind oder nicht- demnächst so entscheiden, wie wir es schon damals für richtig erachtet hätten: Menschlich.

In diesem Sine- stay true ;-)

Sich das fest vornehmend grüßt

die PJane