aerzteblatt.de

Politisch korrekt

Freitag, 4. Dezember 2015
Politisch korrekt

Jede Woche wechseln wir Ärzte uns in einem bestimmten ländlichen Krankenhaus am Montag früh ab – der eine Krankenhausinternist hat dann seine Arbeitswoche beendet und übergibt dem nächsten all seine Patienten. Erfahrungsgemäß ist dieser Tag oft ein anstrengender, denn der neu beginnende Internist muss all die Patienten kennenlernen und die Therapie so modifizieren wie er sie gerne haben möchte. Es gibt ja auch manchmal qualitative Unterschiede zwischen einzelnen Ärzten.

Für die Patienten ist solch ein Wechsel ebenfalls oft verwunderlich, gerade weil sie sich an einen neuen Arzt mit entsprechend anderem Behandlungs- und Kommunikationsstil umgewöhnen müssen. Viele, gerade ältere Patienten sind dann verwirrt, plötzlich mich statt des vorherigen Arztes zu sehen, fragen dann entweder mich oder wenig später die mit mir mitvisitierende Krankenschwester, wer ich denn sei und was mit dem Arzt der vorherigen Woche passiert sei.

Damit das so wenig wie möglich passiert habe, ich es mir angewöhnt an jedem solcher Übergabetage einige Sätze zu meinem Vorgänger und dann zu mir zu sagen. Wenn der Kollege etwas Auffälliges hat, dann benenne ich diese Auffälligkeit eben, denn nicht jeder Patient merkt sich den Namen des Arztes.

In einem konkreten Fall war die Ärztin eine Afrikanerin und aufgrund ihrer Hautfarbe stach sie inmitten all der weißen Patienten im vor allem "weißen" Bundesstaat Minnesota hervor. So trat ich im ersten Patientenzimmer ein, stellte mich vor und gab an dass ich für “meine sehr kompetente Vorgängerin, Dr. XY, jene sympathische, weibliche, schwarze Ärztin von letzter Woche, übernommen habe”.

Ich kenne die USA sehr gut und weiß gar nicht, wieso ich überhaupt die Hautfarbe der Ärztin nannte. Denn das ist fast so etwas wie ein Tabu in den USA und entsprechend irritiert schaute die mit mir visitierende Krankenschwester mich an, und die Apothekerin lachte gar laut los – ich war in ein Fettnäpfchen der politischen Korrektheit getreten! Denn der Begriff “schwarz” (“black”) wird im “postrassistischen” USA so wenig wie möglich gebraucht, man soll so verhalten als gäbe es keine Hautfarben. Man verzieh mir deshalb den Fehler weil ich eben Deutscher bin.

Später, draußen auf dem Flur, musste ich mir noch Vorwürfe anhören, und wie ich besser mich zu benehmen habe – 15 Minuten lang sprachen die beiden Frauen aufgeregt auf mich ein. Um das zu vermeiden, habe ich von da an mich an die Konventionen gehalten, die Hautfarbe bzw. den Ursprungsort nicht mehr genannt, sondern nunmehr von meiner “sympathischen, weiblichen, ärztlichen Vorgängerin” gesprochen. Der Tag verlief von da an reibungslos, sieht man von einigen medizinischen Problemen ab.

Staphylococcus rex am Mittwoch, 9. Dezember 2015, 22:34
Politisch korrekt?
Wenn bei einem Menschen ständig auf die Hautfarbe hingewiesen wird, dann ist es Diskriminierung.
Wenn lokal dieser Hinweis verboten ist, dann ist es Hausrecht.
Wenn es aber landesweit verpönt ist, dann ist es eben keine "political correctness" sondern das genaue Gegenteil davon, nämlich eine Bankrotterklärung an die Rassisten.

Wenn ich an die regelmäßigen Berichte von Polizeiübergriffen weißer Polizisten gegenüber schwarzen Bürgern denke, dann habe ich den Eindruck, daß in den "postrassistischen USA" ein Weißer durchaus einen Schwarzen töten darf. Er darf ihn dabei nur nicht als Schwarzen bezeichnen, das wiederum wäre politisch unkorrekt. Dieses ganze Gerede über politische Korrektheit beim Umgang mit der Hautfarbe erinnert sehr an Orwells "1984" und den Versuch mit der Eliminierung des Begriffs auch das Problem zu eradizieren.

Das Problem Rassismus hat sich erst dann erledigt, wenn die Hautfarbe genauso nebensächlich geworden ist wie die Haarfarbe und man darüber Bemerkungen machen darf ohne gleich als Rassist zu gelten.
EEBO am Samstag, 5. Dezember 2015, 18:13
Das erinnert mich doch sehr daran,
wie vor Jahr und Tag einer meiner (weißdeutschen) Patienten nach einem kleineren chirurgischen Eingriff in der darauffolgenden Visite berichtete, daß nicht nur alles gelungen war, sondern die Operation "von dem schwatten Doktor" durchgeführt wurde. Wir alle fanden das aufgrund der Mundart des Patienten amüsant, und ich glaube nicht, daß der betreffende Oberarzt, der tatsächlich aus der Masse der Bleichgesichter herausstach, das ernsthaft übelgenommen hätte - aber wer weiß?
Die Entwicklung in den US of A ist zumindest eigenartig - ich verstehe gut, wenn sich Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe nicht durch Ettiketierungen in Schubladen packen lassen wollen (soweit ich das halt verstehen kann, da ich eben aussehe, wie der Stereotypdurchschnittsdeutsche eben aussieht). Doch den Drang, vorhandene Vorurteile unter den Tisch fallen zu lassen, nach dem Motto, daß sie dann gar nicht vorhanden seien - ist das nicht viel riskanter, da hier etwas unter der Oberfläche brodelt, was irgendwann zum Ausbruch kommen wird? Eine Auseinandersetzung mit Ängsten, Vorurteilen usf. vor dem, was uns fremd erscheint, wird hierdurch jedenfalls nicht einfacher.