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Zu viele Untersuchungen

Dienstag, 27. Oktober 2015
Zu viele Untersuchungen

Die Begebenheit, die ich hier schildere, liegt nun schon mehr als ein Jahr zurück, aber in ganz unerwarteten Momenten kommt sie hoch und mit etwas Beschämung erinnere ich mich an sie. Es ist eine Erinnerung daran, dass ich als Arzt manchmal, vielleicht sogar in vielen Fällen, zu viele Untersuchungen anordne, dass in der US-Medizin seit mehr als einem halben Jahrhundert die viel zu hohen Kosten und Aufwendungen nicht nur Folge gestiegener Löhne und Pharmakosten, sondern eben auch eines nachlässigen und verschwenderischen Umganges mit diagnostischen Untersuchungen ist.

Denn es passiert fast schon routinemäßig, daß bei einem Sturz im Krankenhaus ein CT des Kopfes zum Ausschluß einer Hirnblutung angeordnet wird, selbst wenn der Patient in keiner Weise neurologische Symptome zeigt, dass jede leichte Sauerstoffver­schlechterung zu einem Röntgenbild der Lunge führt und manchmal mehrmals täglich bestimmte Laborwerte kontrolliert werden obwohl das nicht notwendig wäre.

Man versuchte allerlei um diesen Missstand zu beheben, teilt dem Arzt die Kosten bestimmter Untersuchungen regelmäßig mit, macht eine individuelle Aufschlüsselung woraus ersichtlich wird, wie verschwenderisch der Arzt im Gegensatz zu Kollegen ist (manche besonders verschwenderischen Ärzte brüsten sich dann, besonders viel für Patienten zu tun) oder führt Listen ein auf denen vermerkt ist, wann ein bestimmter Test indiziert ist und wann nicht. Aber all das scheint nur wenig zu fruchten und so werden weiterhin in den USA täglich Millionen an Untersuchungen angeordnet und durchgeführt, von denen nach manchen Schätzungen mehr als die Hälfte nicht nötig sind bzw. nur wenig Mehrwert besitzen.

Auch ich ordne viel zu viele Untersuchungen an, lasse bei fast jedem meiner Patienten täglich die Blutwerte abnehmen, ordne diverse radiologische Tests wie CT und MRT an und lasse Blut- und Sputumkulturen abnehmen, obwohl nicht unbedingt Kriterien hierfür erfüllt sind.

Hier nun die Begebenheit von der ich erzähle möchte: Vor geraumer Zeit nahm ich eine Patientin zusammen mit zwei Assistenzärzten auf – ich war der behandelnde Facharzt und somit letztlich entscheidende Instanz und ärztlicher Lehrer. Die Frau, Ende 80, die an einigen nicht-lebensbedrohlichen chronischen Zuständen wie leichter Kardio­myopathie, nichtinsulinpflichtiger Diabetes und Hypertonus litt, war deutlich abge­schlagener in den vorangegangenen Wochen gewesen und leicht gestürzt.

Daraufhin war sie zur Notaufnahme gebracht und dort eine umfangreiche Diagnostik wie Kopf-CT, Röntgenbild der Lunge und Hüfte, diverse Bluttests und ein Harnstatus abgenommen worden – einzig die Harnuntersuchung zeigte leichte Abnormalitäten und so nahm ich die Frau mit Verdacht auf Harnwegsinfekt auf. Doch trotz adäquater Antibiose ging es ihr einfach nicht besser, und jeden Tag sprach ich mit der Tochter und der Patientin, und beide äußerten die Sorge, dass es wohl „mehr als nur Älterwerden und ein Harnwegsinfekt“ sein müsse.

Also entschied ich mich am dritten Tag des Kranken­haus­auf­enthaltes ein CT, also eine hochauflösende und teure radiologische Untersuchung ihres Brustkorbes, Bauches und Beckens zu machen – Kostenpunkt wohl 2.000 US-Dollar, sieht man von radiologischer Strahlung ab. Ich suchte einfach nach alternativen Erklärungen ihrer Müdigkeit wie z.B. ein Tumorleiden, eine nicht-diagnostizierte Infektion wie ein interner Abszeß usw., und es war sehr einfach diese Untersuchung anzuordnen: Eintippen, auf einige Knöpfe im Rechner klicken und elektronisch unterschreiben, noch nicht einmal 30 Sekunden. Vier Stunden später hatte ich schon die Ergebnisse im Rechner.

Meine Assistenzarztkollegen hatten dagegen protestiert, es als wenig nützlich bezeichnet, doch mittels meiner Autorität als Facharzt setzte ich mich problemlos durch. Es entbrannte eine hitzige Diskussion, und ich hatte keine andere Begründung als mein „Bauchgefühl“.

Am Ende war das CT unauffällig, und wir entließen die Patientin am Folgetag mit unveränderter Diagnose eines „Harnweginfektes“ und „allgemeine Schwäche“ in eine Rehaeinrichtung. Ich habe ihre Akte nun ein Jahr lang nachverfolgt und noch immer geht es ihr, den Umständen ihres Alters entsprechend, gut. Sie lebt wieder daheim, und in der Rückschau war nicht ganz klar was ihre Müdigkeit verursacht hat.

Aber seither erinnere ich mich an diese Diskussion und meine Assistenzarztkollegen, die Recht gehabt hatten. Auch ich habe die US-Kultur des exzessiven Testens wohl internalisiert, und ich bedauere ein Beispiel für sie geworden zu sein, Untersuchungen auch ohne ausreichende Indikation und Grund anzuordnen.

marchand am Freitag, 30. Oktober 2015, 23:02
ja nee, schon klar
es ist ja schließlich auch jeder Patient Ende 80 wie im Beispiel.

"Denn es passiert fast schon routinemäßig, daß bei einem Sturz im Krankenhaus ein CT des Kopfes zum Ausschluß einer Hirnblutung angeordnet wird, selbst wenn der Patient in keiner Weise neurologische Symptome zeigt, "
Die Wahrheit am Freitag, 30. Oktober 2015, 13:05
@marchand
Pat. Ende 80, da ist es natürlich besonders relevant Strahenschutz zu betreiben ("kopfschüttel")
L.A. am Dienstag, 27. Oktober 2015, 14:13
Stichworte "Haftung" und "Schadenersatz'"
Ich wundere mich über unseren Facharzt in Amerika. Sind es nicht die auf der Lauer liegenden Rechtsanwälte, das Haftungs-Recht und die Rechtsprechung in den USA, die eine teure Maximal-Medizin fördern ?!
EEBO am Sonntag, 25. Oktober 2015, 18:06
Oh doch....
"Kostenpunkt wohl 2.000 US-Dollar, sieht man von radiologischer Strahlung ab" - lesen, nicht nur überfliegen, auch wenn es schwerfällt.
EEBO am Sonntag, 25. Oktober 2015, 18:06
Oh doch....
"Kostenpunkt wohl 2.000 US-Dollar, sieht man von radiologischer Strahlung ab" - lesen, nicht nur überfliegen, auch wenn es schwerfällt.
marchand am Freitag, 23. Oktober 2015, 23:32
und nicht ein Wort...
und nicht ein Wort über unnötige Strahlenbelastung u.ä....