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Autogrammstunde oder: Mein Assistenzarzt ist ein Rockstar

Donnerstag, 24. September 2015
Autogrammstunde oder: Mein Assistenzarzt ist ein Rockstar

Evaluation. Im Duden findet man hierunter: „Evaluation, die. Sach- und fachgerechte Bewertung.“

An meiner Uni evaluieren wir im Prinzip von Ersti-Jahren an. Jede Lehrveranstaltung, selbstredend, ansonsten kann man seine Scheine nicht nach Hause tragen. So etwas kann dauern, wenn man es ernsthaft angeht.

Die in unregelmäßigen Abständen ausgeteilten Fragebögen der Psychologen, die uns auf gefühlten 30 Seiten zu unserem Selbstwertgefühl (vorzugsweise nach einer Klausur...) befragen, fallen da kaum noch ins Gewicht. Andererseits – was will man machen? Es wäre wohl kaum sinnvoll, 300 Studenten nach ihrem textlichen Feedback zu Fach 16 oder Querschnittbereich 3 zu befragen. So gesehen zeugt es von einem Interesse der Universität an ihren Studenten, sie möchte wissen, was wir von welcher Lehre halten, und wir dürfen anonymisiert unsere Meinung mitteilen.

Am Anfang jeder gut gemeinten Evaluation stellt sich die Frage: Was möchte ich damit bezwecken? Im Idealfall hilft sie beiden – Lehrenden und Lernenden. Eine Vorlesung mag sich für eine solche Massenevaluation noch eignen – immerhin hören hier viele Studenten denselben Dozenten.

Im PJ ticken die Uhren anders. Wir schwärmen mittlerweile in Scharen aus der heimisch gewordenen Sphäre aus und schnuppern Uniluft an uns bis dato unbekannten Universitäten. Das Lehrverhältnis ist ein ganz anderes. Meist kommen in vielen verschiedenen Städten wenige PJler auf mehrere Oberärzte und Assistenten, die Verteilungsbreite und damit auch die Signifikanz der getroffenen Aussagen sind eine andere als damals im Vorlesungssaal. Natürlich lassen sich, gerade über mehrere Jahre betrachtet, auch hier Rückschlüsse auf eine gute oder schlechte Lehre ziehen, mit den richtigen Fragen.

Hier liegt der wahrlich springende Punkt. Im PJ wird es schwieriger als in einer einfachen Vorlesung, durch verschiedene Fragen Aussagen über die Qualität zu erfragen. Einfach deshalb, weil das PJ durch seinen individuellen Charakter sich selten passgenau in die Nischen der dort vorhandenen Fragen pressen lässt: Habe ich einen Mentor und nimmt er sich Zeit? Oder ist er nie da (das Mentorenverhältnis also sehr schlecht), aber dies wird locker durch die wechselnden Assistenten auf Station wettgemacht, die nicht müde werden, Dinge zu erklären (Betreuung also doch wieder gut...?)- es ist oft komplexer als es sich durch die gestellten Fragen erfassen lässt.

Hier gestrandet ergeben sich zwei Wege.

Eine meiner Gast-Unis wählte Ersteren: Weg von den Standardfragen, hin zu, nun ja, einem Potpourri verschiedener Pflichtevaluationen, von denen ihre Erfinder bestimmt (hoffentlich) dachten, sie würden sinnvoll ineinander greifen, welche uns Studenten und noch mehr die zur Unterschrift verdonnerten Ärzte jedoch kumulativ an den Rand ihres Verstandes brachten.

Da gab es das Logbuch, in das jedes Seminar, Patientenvorstellungen und Mentoren­gespräche eingetragen werden mussten. Dann die Checkliste, auf welcher ein Arzt bestätigen musste, dass er im Logbuch auch die erforderlichen Unterschriften geleistet hatte (...?). Einen freudigen Höhepunkt boten dann Blätter, die angehängt werden mussten, in denen der Inhalt der Patientenvorstellungen aufgelistet werden musste. Erneut mit Unterschrift. Ein Arzt unterschrieb mir also, genau, exakt dreimal für die gleiche Sache: Eine Patientenvorstellung. Da es davon ca. sieben gab, gab mir mein Arzt 21 mal bühnenreif seine Unterschrift, wo sieben Unterschriften gereicht hätten. Immerhin einer durfte sich einmal wie ein Rockstar fühlen. Sinnvoll? Wohl kaum.

Die ungeschlagene Steigerung bot dann eine Liste mit Fertigkeiten, die online stand. Sie ahnen es: Allein sich durch das drop-down- Menü zu schlagen, war medaillenwürdig. Nach Beantwortung einiger mehr oder weniger sinnvoller Fragen („Beurteilen Sie Ihre Fähigkeiten einer Herzkatheteruntersuchung.“- Ähm, sehr schlecht?) erstellte das Programm an drei verschiedenen Phasen unseres Tertials eine Art Spinnennetz. Wurden die Fähigkeiten besser bewertet, weitete sich auch das Spinnennetz. Hier kam der Punkt, an dem ich gedanklich ausstieg. Wieviel pädagogischer gewollt, aber nicht gekonnt konnte es noch werden?

Ich bin für den ersten, meiner Meinung nach im PJ einzig sinnvollen Weg. Abgespeckte, dünnere Logbücher. Verpflichtende Mentorengespräche, ein paar Seminare und GRUNDfertigkeiten. Keine Verzettelung in Einzelheiten. Logbücher, die bundesweit gelten. Weniger, vergleichbare (!) Fragen würden den Unis in der Auswertung endlich wirklich helfen, da bei wenigen Fragen auch Zeit wäre, sie wahrheitsgemäß zu beantworten, anstatt gestresst durch 52seitige Logbücher zu hecheln. Somit wäre für Mentorengespräche wirklich Zeit. Gerade sie würden uns etwas nützen, da nur sie dem individuellen Charakter des Tertials Rechnung tragen.

Und ihr? Seht ihr noch durch in eurem Logbuch?

Hektisch merkend, dass auch das „Spinnennetz der Fertigkeiten“ mit einer ärztlichen Unterschrift versehen werden muss...

grüßt zwischen Zetteln

die PJane