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Lasker Awards: Neues aus dem Vorzimmer zum Nobelpreis

Donnerstag, 10. September 2015
Lasker Awards: Neues aus dem Vorzimmer zum Nobelpreis

Die seit 1946 verliehenen Lasker Awards werden gerne als Vorzimmer zum Nobelpreis bezeichnet. In den letzten drei Jahrzehnten haben nicht weniger als 44 Preisträger später auch einen Anruf aus Stockholm erhalten. Die Juroren der US-Stiftung sind dafür bekannt, dass sie rascher auf aktuelle Fortschritte reagieren als das Nobelpreiskomitee. Dies zeigt sich auch in diesem Jahr. Die Ebola-Epidemie in Westafrika ist gerade einmal überwunden (oder vielleicht doch nicht, wie die sporadischen Erkrankungen zeigen), da erhalten die Médecins Sans Frontières den Lasker-Bloomberg Public Service Award, eine von drei in diesem Jahr vergebenen Auszeichnungen. Dass die Dachorganisation der Ärzte ohne Grenzen auch einen Nobelpreis erhalten, dürfte unwahrscheinlich sein, zumal sie bereits 1999 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden. 

Die Empfänger des Basic Medical Research Award müssen dagegen als Kandidaten gelten, vor allem weil das Nobelpreiskomitee gerne Grundlagenforscher auszeichnet. Dabei müsste sich das Komitee bei Evelyn Witkin jedoch beeilen. Die Dame ist bereits 94 Jahre. Ihr Kollege Stephen Elledge ist dagegen mit 59 Jahren fast noch ein „Youngster“. Beide Forscher haben herausgefunden, wie Zellen – vom Bakterium bis zum komplexen Organismus Mensch – auf einen DNA-Schaden reagieren. Diese Schäden, die durch Chemikalien oder Strahlung (oder auch durch versehentliche Kopierfehler bei der Zellteilung) erfolgen, gelten als Auslöser von Tumoren. Witkin und Elledge hatten unter anderem herausgefunden, dass weniger die Schädigung, als die für das Überleben der Zellen notwendige schnelle Reparatur für die Krebserkrankungen verantwortlich sind. In der Eile kommt es zu Fehlern, die Auslöser einer ungehinderten Zellvermehrung sein können.

Näher an der klinischen Forschung sind die Erkenntnisse von James Allison, 67 Jahre, der den Clinical Medical Research Award erhalten hat. Der Immunologe, der derzeit am M. D. Anderson Cancer Center in Houston tätig ist, hat als erster die Funktion des Proteins CTLA-4 richtig gedeutet. CTLA-4 ist ein Rezeptor auf der Oberfläche von zytotoxischen T-Zellen. Diese Soldaten des Immunsystems sind darauf abgerichtet, Zellen zu vernichten, die fremde Antigene auf ihrer Oberfläche bilden.

Dies kann bei einer Infektion passieren, aber auch bei Krebserkrankungen, deren anarchisches Wachstum immer wieder zur Bildung von „Neoantigenen“ führt. Die zytotoxischen T-Zellen neigen „von Natur aus“ aber auch dazu, körpereigene Zellen anzugreifen. Die Folge wäre eine Autoimmunerkrankung. CTLA-4 verhindert dies. Genmodifizierte Mäuse, denen das CTLA 4-Gen fehlt, haben nur ein kurzes Leben. Es kommt regelmäßig zu einer heftigen Attacke des Immunsystems, die mit dem Leben nicht vereinbar ist. 

Allison kam auf die brillante Idee, dass die Ausschaltung von CTLA-4 bei erwachsenen Tieren die Krebsabwehr verstärken könnte. Nachdem er dies im Tiermodell zeigen konnte, begann sich die klinische Forschung mit dem ungewöhnlichen Therapieansatz anzufreunden. Die Firma Medarex, die heute zu Bristol-Myers Squibb gehört, entwickelte den Antikörper Ipilimumab, der erstmals die Überlebenschancen von Patienten mit metastasiertem Melanom verbesserte und heute weltweit (soweit das nötige Geld vorhanden ist) in der Krebstherapie eingesetzt wird. Ipilimumab wurde 2011 als Yervoy zugelassen.

Es gilt als einer der wichtigsten Fortschritte in der Krebstherapie und als Prototyp für eine neue Variante der Immuntherapie: Die Medikamente lösen als Checkpoint-Inhibitoren die Bremsen des Immunsystems. Zu dieser Gruppe gehören auch die kürzlich eingeführten PD 1-Inhibitoren Nivolumab (Opdivo) und Pembrolizumab (Keytruda).