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Kardiologen erkennen Herzgeräusche nicht mehr richtig

Donnerstag, 3. September 2015
Kardiologen erkennen Herzgeräusche nicht mehr richtig

Die Auskultation, lange Zeit das einzige Instrument zur Diagnose von Herzkrankheiten, wird von vielen ausgebildeten Kardiologen offenbar nicht mehr beherrscht. Ein Test unter etwa tausend Teilnehmern mehrerer Jahreskongresse des American College of Cardiology ergab, dass nur noch jeder zweite in der Lage war, die Strömungsgeräusche und Herztöne von Aortenstenose, Aorteninsuffizienz, Mitralstenose oder Mitralin­suffizienz zu deuten, die bei der Auskultation zu den diagnostischen „Basics“ gehören.

Komplizierte akute Phänomene, wie sie bei der Bikuspidalität der Aortenklappe, beim Mitralklappen-Prolaps oder bei der Kombination von Stenose und Regurgitation von Aortenklappen entstehen, wurden dagegen von zwei Dritteln der Kardiologen richtig zugeordnet.

Die verbesserte apparative Diagnostik hat offenbar dazu geführt, dass viele Ärzte die Auskultation vernachlässigen, meinte der ehemalige Präsident des American College of Cardiology Patrick O’Gara. Die US-Kardiologen haben deshalb ein Trainingsprogramm („Heart Songs 3“) gestartet, mit dem die Kardiologen wieder fit gemacht werden sollen.

Die von O’Gara auf dem Jahreskongress der European Society of Cardiology vorgestellten Studienergebnisse zeigen, dass die US-Kardiologen fix im Lernen sind. Nach 90 Minuten Training konnten sie die „Basics“ zu 88 Prozent diagnostizieren. Bei den fortgeschrittenen Geräuschen stieg die Trefferrate auf 93 Prozent. Die Studie klärt allerdings nicht, ob die Lerneinheit nachhaltig war. Wenn die Kardiologen sich in der Klinik wieder auf das Herzecho verlassen und das Stethoskop nur als Erkennungs­zeichen tragen, dürfte die Technik schon bald wieder verlernt werden.