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Der Doktor ist (niemals) krank

Montag, 6. Juli 2015
Der Doktor ist (niemals) krank

Für einen jungen gesunden Arzt verläuft eine Influenza nur als eine leichte Erkältung, für seine immungeschwächten Patienten kann sie jedoch zu einer tödlichen Gefahr werden. Und die Ansteckung kann durchaus über den Arzt erfolgen. Viele Ärzte wissen dies, trotzdem erscheinen sie am Arbeitsplatz, wenn sie eine Atemwegsinfektion haben (in der Regel ohne zu testen, ob es eine Influenza ist).

In einer anonymen Umfrage unter den Angestellten des Children's Hospital in Philadelphia meinten jetzt 95,3 Prozent der befragten Ärzte und der advanced practice clinician (APC, ärztliche Assistenten ohne Approbation), dass sie ihre Patienten gefährden, wenn sie trotz eigener Infektionskrankheit arbeiten. Dennoch gaben 83,1 Prozent an, dass sie im letzten Jahr trotz einer eigenen Erkrankung am Arbeitsplatz erschienen sind.

Immerhin 9,3 Prozent gaben sogar fünf oder mehr Krankheiten an, die sie ignoriert haben um weiter arbeiten zu können: Bei der Hälfte (55,6 Prozent) waren dies akute Atemwegsinfektionen gewesen, es folgen Durchfallerkrankungen (30,0 Prozent) und Fieber (16,0 Prozent), alles Zeichen von übertragbaren Erkrankungen. Der Widerspruch geht noch weiter: Obwohl die Mediziner wissen, dass sie ihre Patienten gefährden, kreuzten 92,5 Prozent in einem Fragebogen an, dass sie arbeiten würden, um ihre Patienten nicht allein zu lassen.

Dieser „Präsentismus“ von Medizinern wird laut Julia Szymczak vom Children's Hospital erst vor dem Hintergrund kultureller Normen verständlich, die an vielen Kliniken (sicherlich nicht nur in den USA) verbreitet sind. Ärzte und ihre Assistenten sind gute Kollegen. Und ein guter Kollege lässt seine Kollegen (98,7 Prozent gaben diesen Grund an) und auch seine Klinik (94,9 Prozent) nicht im Stich. Viele Mediziner haben auch Sorge, von den Kollegen gemobbt (64,0 Prozent) zu werden, wenn sie zu häufig krank feiern. Der eine oder andere Arzt kennt die Anekdote, dass ein Kollege seine Arbeit nur kurz für eine Infusionstherapie unterbrach und dann weiter arbeitete.

Keine Schwäche vor anderen zu zeigen, gehört ebenfalls zu den kulturellen Normen, die in der Umfrage deutlich wurden. Außerdem bestand große Unsicherheit, welche Symptome eine Abwesenheit erlauben (um sich selbst zu erholen) oder sogar erforderlich machen (um die Gesundheit der Patienten nicht zu gefährden.) Regelungen, nach denen einige Ärzte im Krankheitsfall Urlaubstage opfern müssen, dürften die Bereitschaft, im Interesse der Patienten zuhause zu bleiben, auch nicht fördern. Die Privatisierung von Kliniken und der Wettbewerbsdruck dürften die Beschäftigten ebenfalls zum „Präsentismus“ zwingen, und sei es, weil in vielen Kliniken ein Kollege fehlt, der die Lücke ausfüllen könnte.

Der Editorialist Jeffrey Starke vom Baylor College of Medicine in Houston fordert angesichts dieser Zahlen klare Regeln. Beispielsweise könnten eine Konjunktivitis, Erbrechen, eine blutige Diarrhöe, ein Ikterus oder ein Fieber von über 38,5 Grad eine Auszeit der Mediziner erforderlich machen (auch wenn sie sich körperlich zur Arbeit in der Lage sehen).

Schwieriger ist die Situation bei „banalen“ Atemwegsinfektionen. Ob hier ein Mundschutz und andere Hygienemaßnahmen helfen, Infektionen zu vermeiden, ist laut Starke kaum untersucht. Gegen eine Influenza können sich Ärzte durch eine Impfung schützen. In den USA ist dies in vielen Kliniken Pflicht. Doch die Impfung bietet, wie bei einem „Mismatch“ des Impfstoffs im letzten Jahr, keinen zuverlässigen Schutz. Die Ansteckungs­wahrscheinlichkeit ist hoch. Arbeitsmediziner haben ausgerechnet, dass schon ein bis zwei bezahlte beschäftigungsfreie „Grippe-Tage“ in einem Betrieb die Infektionsrate um 25 bis 39 senken kann (American Journal of Public Health 2013; 103: 1406-1411).