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"Halbzeitpause" oder sind Frauen Risikofaktoren?

Donnerstag, 18. Juni 2015
"Halbzeitpause" oder sind Frauen Risikofaktoren?

Die Sache mit dem Feminismus, die hatten wir medial in den letzten Jahren ja schon. Vieles wurde diskutiert und redigiert und teilweise konnte man sich nicht von dem Gefühl loseisen, dass statt inhaltlicher Debatten eine fortwährende Diskussion über das Wort „Feminismus“ erblühte.

Dann war da 2014 die Rede von Emma Watson vor den Vereinten Nationen.

Ab diesem Zeitpunkt hatte sich die Wortklauberei zumindest für mich persönlich erledigt.

Feminismus bedeutet, das legt Watson sehr deutlich aus, dass es nicht um eine Überhöhung der Frauenrechte auf Kosten der Männer geht, sondern um eine Gleichstellung von Frau und Mann- beruflich, politisch und im Privaten.

Das mit dem Beruflichen, darüber habe ich in den letzten Tagen vermehrt nachgedacht. Es gab da ein paar Sätze, die mir nicht mehr aus dem Kopf gingen:

„Naja, ein bisschen gerechtfertigt ist es doch, wenn Frauen andere Verträge bekommen als Männer beziehungsweise ein anderes Gehalt- sie sind ja quasi Risikofaktoren.“

(ein Mit- PJler)

Ich unterstelle keinem der hier zitierten Männer auch nur einen Funken Böses, geschweige denn für die Gesamtheit der Männer zu sprechen. Ich habe mich in meinen bisherigen PJ- Stellen sehr wohl gefühlt und wurde teilweise ermutigt, mich später dort zu bewerben. Wir gehen also mal davon aus, dass die Sympathie auf Gegenseitigkeit beruhte.

Die Sätze jedoch mehren sich und ich möchte laut sagen:

Nein! Natürlich wäre (ist?!) es nicht in Ordnung, Frauen für die gleiche Arbeit weniger zu zahlen oder ihnen anders befristete Verträge anzubieten, weil sie das potenzielle Risiko des Kinderkriegens bergen. Für die gleiche Arbeit! Hallo 2015, seid ihr wach?

Natürlich bin auch ich kein weltfremdes Wesen und stehe den Grundzügen der Buchhaltung durchaus offen gegenüber. Ich verstehe, dass es für den Arbeitsgeber nervig sein kann, wenn gleich mehrere Angestellte durch Geburten ausfallen. Es muss umdisponiert, hin- und herjongliert werden. Trotzdem: Ich persönlich wäre- hätte ich eine Wahl- bei einem solchen Arbeitgeber, sollte er in unserer Branche existieren, schnell weg. Dass es offensichtlich wirklich junge Menschen gibt, die diese Handhabe dennoch rechtfertigen, erschreckt mich.

Das ist das Eine.

„Freunde von uns bringen ihre Kindern in eine Ganztagsbetreuung. Aber ob DAS den Kindern so gut tut...ich weiß es nicht.“

(Oberarzt auf einem PJ- Informationstag)

 „Als Frau würde ich ja Strahlentherapie machen. Oder Anästhesie.“

(erster Satz eines männlichen Mit- PJlers nach der Begrüßung und der Frage, was ich machen wollte.  Zu diesem Zeitpunkt kannten wir uns ca. 4 Minuten).

„Chirurgie ist ja nicht so toll für Halbzeit.“

(ein Oberarzt)

„Nuklearmedizin kann man übrigens gut in einer Halbtagsstelle machen.“

(nebenbei zu mir gesagter Satz bei einem nuklearmedizinischen Konsil einer Patientin).

Das Andere ist: Wir wissen mittlerweile, dass berufstätig mit Kindern zu sein in Deutschland nach wie vor einem Jonglierkunststück ähnelt. Wir werden nun mal keinen nine to five – Job haben- statistisch leider aber auch keine Kita, die für uns eine Ausnahme von eben dieser Regelung macht.

Wir werden uns mit Nannys, Au- Pairs oder Großeltern behelfen, und es wird uns absurd vorkommen, dass wir den lieben langen Tag versuchen, Menschen zu helfen während wir unsere eigenen Kinder gerade noch zwischen Abendbrot und Gute- Nacht- Geschichte sehen.

Wir werden uns ärgern, über die aller Voraussicht nach zu geringen Krankheitstage und darüber, dass wir diejenigen sind, die im Bewerbungsgespräch zu hören bekommen: „Wie ist das eigentlich bei Ihnen mit der Kinderbetreuung geregelt?“ während unserem Freund oder Mann diese Frage zumindest nicht im selben Automatismus gestellt wird- wenn überhaupt (fragt mal im Freundeskreis!).

Noch immer gelten wir als Risikofaktor, ohne etwas dafür zu können. Denn gäbe es mehr Stellen, dadurch pro Kopf weniger Dienste oder zumindest flexiblere Schichtsysteme gepaart mit qualitativ guten Kitas, in die wir unsere Kinder guten Gewissens auch mal außerhalb der Standardöffnungszeiten abgeben könnten- wir wären es nicht. Oder weniger. Die Biologie wird sich kaum ändern.

Ein Griff in die Trickkiste der als frauenfreundlich bekannten Facharztrichtungen scheint in diesem Zirkus naheliegend. Denn nur dann kann ich um 16.30 Uhr bei meinem (vielleicht irgendwann angedachten) Kind sein. Ob das dann die Richtung ist, in der ich mich wohlfühle? Die mir liegt? Die mich- zumindest ein bisschen- erfüllt- eine Sache, die sich wiederum auch auf mein Familienleben niederschlägt.  

Eine Nebensache?

Zudem die Ganztagsbetreuung. Interessant, wie mancher Mann, der Karriere macht, von einem ganztäglich betreuten Kind gar nichts hält. Stand es für ihn zur Debatte, seinen Facharzt hiernach auszuwählen?

Natürlich würden wir gerne alles haben. Karriere, Kind, viel Zeit mit diesem. Für viele stellen sich derartige Fragen nicht. Sie müssen arbeiten, um Geld zu verdienen. An der Kasse. Als Monteur. Das ist die breite Masse der Bevölkerung.

Und wir? Sofern wir in einer Partnerschaft und wir uns es dementsprechend finanziell leisten können, überhaupt darüber nachzudenken, können wir uns bezüglich dieser Thematik unser ganz eigenes Modell schaffen:

Wir können uns als Frauen überlegen, ob es für uns vertretbar ist, die Jahre, die wir zuhause bleiben, nichts in die Rentenkasse einzuzahlen. Oder ob wir lieber versuchen, Arbeit und Kind(er) unter einen Hut zu bringen.

Diese Überlegungen sind in hohem Maße privat. Jede hat ihre ganz eigenen Gründe für Entscheidungen, die keiner Rechtfertigung bedürfen.

Fest steht, ganz einfach ist es nicht. Vielleicht meint ihr es gut, Männer, wenn ihr uns die „frauenfreundlichen“ Nischen der Klinik immer wieder aufzeigt. Vielleicht sorgt ihr euch sogar, haben sich doch bereits nicht wenige Frauen bei diesem Spagat verletzt. „Augen auf bei der Facharztwahl“- das ist sicherlich ein Spruch, über den es sich nachzudenken lohnt.

Im Sinne von: Wo will ich hin? Ist der prinzipiell eher weniger planbare Alltag in der Chirurgie etwas für mich? Oder möchte ich mich lieber in einer orthopädischen Praxis niederlassen?

Nicht im Sinne von: Welche Facharztausbildungen scheiden für mich als Frau von vorneherein aus?

Dass manche Modelle für jemanden persönlich eher wegfallen als andere liegt nahe, ebenso wie der Spruch, Chirurgie sei „eher nicht so gut für Halbzeit“ ein Fakt ist, dem ich nichts entgegensetzen kann.

Aber ist es nicht ein wenig vermessen, vom Geschlecht gleich aufs Thema Halbzeit zu kommen? Ihr kennt uns teilweise noch gar nicht. Ihr wisst nicht, wie unsere Pläne aussehen, ob und wann wir Kinder haben möchten, ob unser eventueller Partner einen Beruf hat, der es uns ermöglicht, überhaupt über diese Frage nachzudenken oder ob wir unser beider (Vollzeit-)geld dringend benötigen.

Wir verraten euch etwas: Zum größten Teil wissen wir es selbst noch nicht.

Vielleicht haben wir noch gar keinen Partner. Kinder sind für manche von uns noch ein bizarres Konstrukt, für andere längst Teil ihres Alltags. Wir sind 26, wir möchten uns ausprobieren und ja, uns verwirklichen. Wir wissen, dass es viele Limitationen gibt und dass uns oftmals die Hände gebunden sein werden.

Es muss noch einiges passieren, was die gleichen Chancen von Frauen im Berufsleben angeht. Ich habe keine Patentlösung, nur das Gefühl: Der (gut gemeinte) Hinweis auf eine weitere Fachrichtung, die frauenfreundlich wäre, ist mit Sicherheit nicht die Lösung des Problems.

Wie seht ihr das? Habt ihr euch auch schon mal gefragt, wie das später werden soll?

Noch gar nicht wissend, ob mal Mutter einer großen Brut oder allein im Loft grüßt

die PJane

Henry I am Montag, 29. Juni 2015, 16:41
Henry
Ich würde einfach versuchen, mir selbst darüber klar zu werden, was ich im Leben wirklich will und dann versuchen, selbiges auch umzusetzen. Wobei sich mit den Jahren und der sich möglicherweise ändernden Lebenssituation die Prioritäten dann auch wieder verschieben können.
Für mich selbst ist die Familie wesentlich wichtiger als der Job an sich - ich bin zwar (trotz der antisozialen Arbeitsbedingungen) durchaus noch gerne Arzt, kann mir aber auch zunehmend besser vorstellen, mit anderen Mitteln die Familie zu finanzieren.
Auf Politik und den sogenannten "Feminismus" würde ich überhaupt nicht bauen, das ist Lug, Betrug und Ausbeutung.
In die Rentenkasse können Sie einzahlen, soviel sie wollen, es ist ein Pleitemodell in der derzeitigen demographischen Situation. Was in Ihrem Alter aller Wahrscheinlichkeit wirklich zählen wird, ist das was Sie können und sehr wahrscheinlich die Größe Ihres Familienverbandes und die Anzahl Ihrer Kinder (paradoxerweise). Auch wenn sich das eine wenig pessimistisch anhören mag...ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft und viel Spass am Beruf und vielleicht später mit Ihrer Familie und Kindern :-)
PJane am Dienstag, 23. Juni 2015, 20:37
Antwort
Lieber Petrulus,
danke für die ermunternden Worte!
petrulus am Samstag, 20. Juni 2015, 07:33
Kinder und Beruf - machbar!
Liebe PJane!
Es ist schaffbar, Kinder und Beruf. Wenn Sie mich fragen, dann sind Kinder wichtiger und schöner als das Berufliche, und das sage ich obwohl ich meinen Arztberuf gerne habe, ja sogar als Berufung ansehe. Machen Sie einfach worauf Sie Lust haben - Neurochirurgie? Dann ab in die Neurochirurgie. Pädiatrie? Dann dorthin gehen! Das mit den Kindern ergibt sich automatisch, und es herrscht derart Arztmangel, daß Sie das so hinkriegen wie Sie wollen, ob Teilzeit oder sogar einige Jahre (oder gar Jahrzehnte?) Auszeit. Schade, daß wir Männer nicht helfen können mit dem Kinderkriegen und uns etwas rar machen in der postpartalen Phase, es ist tatsächlich etwas unfair...