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Nightshifts in neon light

Freitag, 15. Mai 2015
Nightshifts in neon light

Der Mann, der weint. Er hat Angst, stationär zu bleiben, während seine Frau allein zu Hause ist. Sie ist depressiv, erzählt er und wer weiß, was sie sich antue.

Die ältere Dame aus Kasachstan, die kein Wort deutsch spricht und auf die Hilfe eines Dolmetschers angewiesen ist. Sie sieht klein aus, eingesunken in ihren Rollstuhl. Wie muss sich das anfühlen, sich nicht mitteilen zu können?

Ein Ehepaar, scherzend. Ihnen ist der Ernst ihrer Lage noch nicht bewusst. Werden sie sich später an diesen noch unbeschwerten Moment erinnern?

Daneben, Mann und Frau. Während er noch hofft, hat sie diesen ahnenden, leeren Blick. Sie soll rechtbehalten.

Ein junges Pärchen, er hält fürsorglich ihre Hand.

Ein älterer Mann, das Atmen fällt ihm schwer. Inmitten der Sanitäter, der Ärzte, der Schwestern wirkt er einsam.

Ein Mädchen, am Abend vor ihrer Abschlussprüfung. Sie versucht mehrmals ihren Vater zu erreichen. Mailbox.

Eine betrunkene Dame, die kein Zuhause mehr hat. Sie kommt die vierte Nacht in Folge hierher.

Hier, in die Notaufnahme im Nachtdienst. Ihr grelles Neonlicht schluckt einen bestimmten Teil dieser Momentaufnahmen. So gefiltert bleiben zunächst die wichtigen Informationen, die es erlauben,  sich zu konzentrieren und für Hilfe zu sorgen. Gefiltert, da können wir es uns sogar zuweilen ohne schlechtes Gewissen erlauben, genervt zu sein.

Nachher, abseits des Dienstes, ertappen wir uns bei dem Gedanken, dass manche Situationen so überhaupt nicht in ein Neonlicht passen.

Das sind diejenigen, die zu traurig sind oder zu intim, unpassend hier ausgeleuchtet zu werden.

Nachher, da ergänzen wir das Puzzle um die gefilterten Details. Den ahnenden Blick einer Ehefrau, das liebevolle Händehalten eines jungen Mannes, die Not einer Frau, die nie weiß, wo sie heute Nacht schlafen wird.

Gerade aus dem Neonlicht kommend grüßt

die Pjane