aerzteblatt.de

Es geht weiter

Dienstag, 2. Dezember 2014
Es geht weiter

Das Studium soll die beste Zeit im Leben sein, so sagt man es zumindest, da man in Vergleich zu späteren Jahren etliche persönliche und berufliche Freiheiten genieße. Es gibt selten wirklich greifbare Gütekriterien, an denen diese Argumentation im Üblichen geknüpft wird, aber ich nehme den Standpunkt dennoch probeweise für diesen Beitrag als gegeben und korrekt an.

Dem Studierenden ist sein Glück nur selten bewusst. Man beginnt allermeistens in den ersten zwei Jahren mit einem hochkarätig konventionellen Ritt durch sämtliche natur­wissen­schaftliche Basis der Medizin, erschlagend und langatmig, doch essenziell. Stellenweise wird der Studierende durch neuartige klinisch-vernetzte Kurse geködert, ja fast sogar schon geblendet, ohne dass sich ein messbarer Mehrwert in Richtung der Zielgerade des Studiums ergibt.

Die ersten zwei Studienjahre sind die Orientierungsphase, analog zum angloameri­kanischen Bachelor (jedoch ohne eine klassische „liberal arts education“). Man hat zwar das Gefühl des Studierens, aber auch des Wartens - worauf kann niemand so recht greifbar benennen. Vielleicht warten sie darauf, im Rahmen von Famulaturen endlich ärztlich arbeiten zu können? Vielleicht warten sie aber auch darauf, dass sie genug Bücher mit verschiedensten Titeln gewälzt haben, um das Verständnis von Organen, Systemen und Fächern zu verbinden.

Schauen die Studierenden sich auf dem Campus um, so bemerken sie wie ihre Kommilitonen ab etwa dem dritten Jahr aufwärts eine andere Sicht der Dinge haben. Ich sah zu meinem Studienbeginn immer einen gewissen Glanz in Kommilitonen aus höheren Semestern; nicht im Sinne des „Aufschauens“ oder des Respekts, sondern eher das Gefühl als hätten höhere Semester eine neue Perspektive aufgeschnappt, als wüssten sie ein Stück mehr wohin sie gingen, oder als hätten zumindest eine Variable der Gleichung gelöst.

Ab etwa dem dritten Jahr landen die Studierenden nun tatsächlich in klinische Praktika, und schreiten mal mit großen, mal mit kleinen Schritten auf die Promotion zu. In diesem Zeitraum werden sie vom Charme des ihnen präsentierten Horizontes überwältigt, unendliche Wege offenbaren sich. In einem anderen Beitrag bin ich bereits darauf eingegangen, dass sich aus Unsicherheit und Bescheidenheit immerzu weniger Studierende trauen, ihre Leidenschaft zu erkennen, wenn sie sich erkenntlich macht. Vielleicht möchte man sich auch nicht festlegen, weil man nicht weiß, was es alles noch da draußen an Alternativen gibt. 

Ich vergleiche es gerne mit dem Kauf eines warmen Wintermantels: ich trug den gleichen Mantel seit fast 8 Jahren und bin pünktlich jedes Jahr im Herbst zur Kölner Einkaufsmeile gefahren, um mir einen neuen Mantel anzuschaffen. Doch ich konnte mich nie für einen Neukauf entscheiden, weil ich wusste, dass es irgendwo einen besseren Mantel gibt. Dahinter steckt nicht nur die Sehnsucht nach Konformität mit den eigenen Vorstellungen, sondern auch die Tatsache, dass man Gewohntes nicht verlassen möchte. Mein achtjähriger Mantel war zwar mittlerweile abgetragen, aber „wir zwei“ waren nach jahrelangen Erfahrungen ein eingespieltes Team. (Am Ende siegte dann doch der Pragmatismus und das Kälteempfinden, und ich habe mir nun im mittlerweile letzten Studienjahr in einem Akt der Verzweiflung gleich zwei Mäntel gekauft!)

Begleiten wir nun die Studierenden jenseits der Mittelphase des Studiums in Richtung PJ und Examen, so sehen wir, dass sich nicht viel in diesem Bereich geändert hat. Sie haben sich nun sechs volle Jahre lang eingelebt, eine Faszination für ein klinisches Fach erhalten, ihre Promotion begonnen, den Campus und die Stadt lieben gelernt, ja vielleicht den Schwarm im Semester endlich angesprochen oder sein Lieblings-Café in Uni-Nähe gefunden. Kurz, man fühlt sich zuhause. Doch dann rückt das Ende des Studiums immer näher und man ist zu beschäftigt mit dem Studium an sich (PJ, Abschlussprüfungen, etc.) um zu realisieren, wie schnell das Ende näher kommt. An dieser Stelle wünschte ich, ich könnte allen Studierenden ab ihrem vierten oder fünften Studienjahr diese eine Sache sagen: Es geht weiter. 

Es ist schwer das Gewohnte zu verlassen, den Alltag zu verlieren oder neue Freunde zu finden. Früher oder später tun es jedoch Alle. Es kann sein, dass der Eine noch ein Jahr in der Stadt wohnen bleibt um seine Promotion zu beenden, oder der Andere eine Weiterbildungsstelle in der Nähe antritt, doch wohl oder übel trennen sich zwangsweise die Wege. Jetzt ist es an der Zeit, dass jeder für sich realisiert, wohin der Weg geht. Die allermeisten Absolventen realisieren erst Monate nach ihren Abschlussprüfungen, dass sie nicht auf ewig ein "fertig studierter Arzt" sein können und es nun irgendwie weiter gehen muss.

Doch Achtung, hier gibt es kein Modell für die Gesamtheit, denn jeder macht etwas Eigenes - ob man nun in die Forschung, an die Uni, in ein städtisches Haus oder später in die Praxis geht. Statt mit Überraschung oder Kritik seine Vorstellungen mit Anderen zu vergleichen, sollte man mit Festigkeit und Glück seinen eigenen Weg ausmalen. Betrachte man die Studienzeit in Relation zum gesamten Leben, so sprechen wir hier nur von einer Phase der Vorbereitung. Das Ende des Studiums ist lediglich ein Perspektiven­wechsel, dazu gehört auch das Altbekannte neu zu definieren. Es waren sechs tolle Jahre, aber es folgen vielleicht nochmals sechs intensivere und spannungsreichere Jahre. Es geht weiter.