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Leben und leben lassen

Freitag, 15. August 2014
Leben und leben lassen

Erster Tag im Krankenpflegepraktikum: ein hoch motivierter Studierender stellt sich dem Pflegepersonal vor, möchte offensichtlich Freunde machen, wird in seinen bevorstehenden Alltag eingewiesen und freut sich über die zu sammelnden Erfahrungen.

Doch eine (sehr banale) Tatsache wird ihm vorenthalten: Er wird lernen damit klar zu kommen „im Weg herumzustehen“.

Eben diese Tatsache ist so natürlich wie alles andere auf der Welt. Wer neu zu einer Gruppe oder Profession stößt, kann die üblichen Riten und Vorgänge noch gar nicht nachahmen können, auch wenn er darauf theoretisch vorbereitet wurde. 

In jüngsten Überlegungen ist über die canMEDs die kanadische Denkart in unsere Herangehensweise an das Medizinstudium eingekehrt: der Studierende soll im Rahmen seiner (mindestens) 6 Studienjahre nicht nur erlernen, wie man Differenzialdiagnosen stellt und naturwissenschaftliche Schemen auf Situationen anwendet, sondern auch wie man Prozesse managen kann, professionalisiert handeln mag, bzw. den Überblick behält. 

Ich schätze diese Überlegungen sehr. Doch muss man die kanadische Denkart in seinem situativen Kontext erblicken - mit vier Jahren Medizinstudium bleibt nicht viel Zeit für Praktika (dort „clerkships“, bzw. „electives"). Darum werden Simulationen kreiert um schon während (!) des Studiums klar definierte zwischenmenschliche Kompetenzen auf einer möglichst standardisierten Basis zu vermitteln. 

Schauen wir uns das deutsche Studium an - mit sechs Jahren Medizinstudium haben wir nicht nur das Krankenpflegepraktikum und das praktische Jahr, sondern etliche Monate Zeit für die Famulatur. Die Approbationsordnung hat aus gutem Grund nur das praktische Jahr als „Medizinstudium“ unter den genannten Abschnitten definiert, das Pflegepraktikum und die Famulatur hingegen als „ärztliche Ausbildung“. Nun mag man sich darüber streiten, wie groß die Absicht hinter der Wahl dieser Termini war. Nach meiner Meinung ist der Terminus „Famulatur“ (im Lateinischen auch „Knechtschaft“) besonders heutzutage absurd.

Es lässt sich jedoch nicht abstreiten, dass der deutsche Medizinstudierende überdurchschnittlich viel Zeit dafür hat, sich in die Praxis einzufinden, verschiedenste Vorgänge zu erlernen, gerne auch mal zu lernen, wie man im Weg steht. Und er wird so lange im Weg stehen, bis er die Vorgänge observiert und internalisiert hat, bzw. für andere Situationen abstrahiert hat - denn erst dann ist der Studierende möglichst universell einsetzbar. 

Wenn er dies (als vielleicht wichtigste Stärke in seinem künftigen Beruf) beherrschen soll, dann braucht er nicht nur die Zeit und Freiheit (semesterfreie Monate ohne Prüfungen), sondern den Zugang zur Realität. Und so sehr ich Simulationen insbesondere in der ärztlichen Gesprächsführung und in praktischen Fertigkeiten (z.B. Notfallmedizin, Untersuchungskurse) schätze, so soll man auch für alle anderen Bereiche den Studierenden mal in die weite Welt hinaus segeln lassen, um alles zu lernen, was er nicht in einer steril erstellten Situation erlernen kann.

Selbst wenn der Wind seine Löcher in die Segel bläst, so lernt der Studierende sie zu flicken. Und es gibt keine Erfahrung wertvoller als diese.