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Gastarzt werden ist nicht schwer, Gastarzt sein umso mehr

Mittwoch, 9. Juli 2014
Gastarzt werden ist nicht schwer, Gastarzt sein umso mehr

Mir fiel neulich auf, wie viele Gastärzte hier in der Neurochirurgie arbeiten. So deutlich habe ich das auf keiner anderen Station erlebt, auf der ich bislang eingeteilt war. In der Allgemeinchirurgie gab es das überhaupt nicht und in der Unfallchirurgie sind mir zwei Gastärzte begegnet, einer aus Kamerun und einer aus einem asiatischen Land. Diese haben sich gerne mit mir unterhalten, auf Englisch lief die Verständigung fast problemlos.

In der Neurochirurgie sind es sogar sieben Gastärzte: sie sprechen kaum Englisch und nur wenig Deutsch. Aus Gesprächen habe ich erfahren, dass sie aus den arabischen Ländern stammen und hier in Deutschland über eine Art Stipendium angestellt sind. Das heißt, jemand aus ihrer Heimat schickt ihnen Geld, damit sie hier Fuß fassen können, die Klinik hier braucht also nichts zu zahlen.

Ich habe in einem Bericht über ausländische Fachkräfte gelesen, dass die Arbeit im Ausland selten durch mangelnde Fachkenntnis Probleme bereitet, sondern meistens durch mangelnde Sprachkenntnis. Durchaus nachvollziehbar, finde ich. In der Unfallchirurgie waren die Gastärzte eher als Zuschauer, allerdings bei Operationen auch durchaus als Assistenten eingeplant. Bei meinen Famulaturen habe ich aber auch schon viele ausländische Ärzte kennengelernt, die sehr gute Arbeit leisteten und hoch motiviert waren, um einen guten Eindruck zu machen. Und das, obwohl die deutsche Sprache den Ruf hat, dass sie schwer erlernbar sei und viel Übung brauche, um flüssig gesprochen zu werden.

Heute Morgen hatte unser Chefarzt sehr schlechte Laune. In der üblichen Frühbesprechung werden die Entlassungsberichte der Patienten vor versammelter Mannschaft abgesegnet oder auch kritisiert. Neulinge wie mich erinnert das ein bisschen an den Pranger im Mittelalter. Einer der Arztberichte war wohl besonders schlecht. Es war einer der Gastärzte, der ihn geschrieben hatte.

Der Chefarzt nahm die ganze Akte in die Hand, um sie auf Vollständigkeit zu untersuchen und nach längerem Blättern zog er ein Blatt heraus, den Verlaufsbericht.

Er las nicht viel vor, weil nicht viel zu lesen darauf stand, aber er regte sich umso mehr auf, weil nicht jeder Tag dokumentiert war und wenn, dann nur unzureichend. Beinahe fünf Minuten musste der Gastarzt die Standpauke ertragen bis die Wogen wieder geglättet waren. Ich frage mich, was das bringen soll. Ich würde mich für solche Chefs sicher nicht noch mehr ins Zeug legen, wenn ich die Aussicht auf solche Blamagen hätte.

In meinem letzten Tertial werde ich auch ins Ausland gehen, nach Spanien. Ich bin gespannt, wie es dort für mich wird, wo ich dann selbst mit der Sprachbarriere zu kämpfen habe.

ArztundEuropa am Freitag, 11. Juli 2014, 10:52
....unkontrollierte (zahlenmäßig) und geförderte Zulassung der Gastärzte seitens der Ärztekammer für den Bereich der Neurochirurgie, Orthopädie, Unfallchirurgie...
... und deutsche Ärzte unterliegen einer strengen Zulassungsbeschränkung vor und nach dem Studium..... und kein Schwein kümmert sich darum, wie die Ärztekammer Statistiken manipuliert - aber Deutschland braucht ja Fachkräfte, hier Gastärzte, weil.. (ja weil was - weil die Deutschen zu doof sind Medizin zu studieren??? Weil aus hochmotivierten Deutschen keine guten Ärzte werden???
ArztundEuropa am Freitag, 11. Juli 2014, 10:41
.... unkontrollierte (zahlenmäßig) und geförderte Zulassung seitens der Ärztekammer für den Bereich der Neurochirurgie, Orthopädie, Unfallchirurgie.....
.... und deutsche Ärzte unterliegen einer Zulassungsbeschränkung vor und nach dem Studium.
... und kein Schwein kümmert sich darum, wie die Ärztekammer Statistiken manipuliert
EEBO am Donnerstag, 10. Juli 2014, 12:51
Das Problem scheint mir woanders zu liegen!
Sieben (!) Gastärzte. Was mich doch sehr interessieren würde: Sind die zusätzlich zur regulären Belegschaft obenauf, oder sind sie anstatt sieben regulärer Ärzte mit deutscher Approbation bzw. EWR-Äquivalent engagiert??

Im ersten Falle stellt sich "nur" die Frage nach einer adäquaten fachlichen Betreuung der Gastärzte (die sie ja zurecht erwarten können) - ist sie bei einer solch großen Anzahl, mangelnden Fremdsprachenkenntnissen und sicherlich dem einen oder andren regulären Assistenzarzt, der auch weitergebildet werden möchte (PJler und Famuli lasse ich mal großzügig außen vor), überhaupt leistbar?

Sollte der zweite Fall vorliegen, dann könnte man es tatsächlich mit der Angst bekommen:
Liest man sich die Berufsordnungen der Landesärztekammern durch, so ist ganz eindeutig von einer angemessenen Bezahlung gerade auch der Ärzte in Weiterbildung die Rede. Wie schön, daß dritte ein Stipendium zahlen, und somit auf eine dreiste Art und Weise deutsches Recht erfüllt wird, aber nicht sicherlich nicht in der vom Gesetzgeber intendierten Art und Weise! Kein deutscher oder EWR-Kollege hätte eine Chance, eine solche Stelle zu erhalten, denn für ihn müßte der Arbeitgeber ja regulär Gehalt zahlen. Und sollten die Gastärzte am Ende ihr Stipendium wieder zurückzahlen müssen, dann sind wir auf Umwegen beim guten alten Lehrgeld angelangt - ja, geht's noch?!

Was aber viel schlimmer wäre:
Sieben Kollegen, die sich mit den Patienten und dem Personal nicht verständigen können, erledigen unbeaufsichtigt selbständig ärztliche Tätigkeiten! Wird hier seitens der Krankenhaus- und Klinikleitung etwa die zynische Rechnung aufgemacht, daß die nicht selbst gezahlten Stipendien (= Gehälter) mögliche Schmerzensgelder bei Kunstfehlern mehr als aufwiegen?

Überhaupt stellen sich im Anschluß weitere Fragen, wie:
- Hat die besagte neurochirurgische Klinik einen so schlechten Ruf, daß es ihr nicht möglich ist, reguläre Beschäftigungsverhältnisse abzuschließen?
- Oder wenigstens auf die Beherrschung einer Fremdsprache bei der Auswahl der Gastärzte zu achten?
- Haben sich die Verantwortlichen hierüber überhaupt Gedanken gemacht?

Um eines klarzustellen: Auch ich habe mit Gastärzten Bekanntschaft , und zwar sehr positive, gemacht. Der Schlüssel war vergleichbar mit der oben erwähnten Unfallchirurgie. Somit konnte eine vernünftige Weiterbildung aller beteiligten gewährleistet werden. Gleichzeitig waren fast alle Stellen in der betreffenden Abteilung regulär besetzt, so daß eine befriedigende Patientenbetreuung mögilch war.
Krankenhausarzt am Donnerstag, 10. Juli 2014, 11:18
Völlig normal
Deutscher Chefarztstil. Hat mit den Ausländern nichts zu tun.
Die Negativauslese des deutschen Gesundheitswesens kotzt sich halt gerne aus an denen mit weniger Skrupeln und Ellenbogen.
spiegelneuron am Donnerstag, 10. Juli 2014, 09:54
Und wer hat die leute eingestellt?
Solche Chefs sind selber Schuld und haben es nicht besser verdient.