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Wertschätzung

Dienstag, 24. Juni 2014
Wertschätzung

Letztlich geht es im praktischen Jahr nur um eine Sache: das Erlernen von ärztlichen Tätigkeiten durch ihre Ausführung. In mancherlei Kliniken impliziert das einen Schellong-Test, in anderen das Wechseln von Bandagen, in den allermeisten jedoch Blutabnehmen und das Legen von peripheren Zugängen. Ohne das praktische Jahr wäre unser Gesundheitssystem immens geschwächt, da PJ‘ler für junge Assistenzärzte in Kliniken der Aus- und Weiterbildung eine Stütze im klinischen Alltag bedeuten.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – ich bin ein klarer Verfechter des praktischen Jahres. Ich kann mir nicht vorstellen, das deutsche Medizinstudium zu kürzen und „den Intern“ nach angloamerikanischem oder „den Unterassistenten“ nach schweizerischem Vorbild einzuführen. Dafür entsprechen unsere vorangehenden Studienabschnitte noch zu stark den fachbezogenen Konventionen des 20. Jahrhunderts, zu dieser Problematik zähle ich auch die Modellstudiengänge. Wir müssten dementsprechend weit früher im Studium (in Unabhängigkeit der Kapazitätsverordnung) mit Reformen beginnen, um Studierende überhaupt nach fünf Jahren in ein Angestelltenverhältnis zu entlassen – eine Situation, die voraussichtlich in 20 Jahren nicht gegeben sein kann.

Dennoch möchte ich auf eine Sache hinweisen: der Studierende ist im praktischen Jahr am ersten Scheitelpunkt seines Werdegangs. Er hat eine sehr allgemeine Kenntnis über medizinische Sachverhalte (jetzt insbesondere durch das Bestehen des M2neu, dem schriftlichen Staatsexamen, schon vor seinem PJ). In seinen praktischen Fertigkeiten divergiert er aber von seinen Kommilitonen je nach Art und Umfang seiner Vorerfahrung (Rettungsassistenten, Pflegekräfte) oder seiner Famulaturabschnitte.

Der PJ-Student befindet in Deutschland pro nomina unter dem institutionellen Schutzmantel der Ausbildung – nicht der Weiterbildung. Dennoch übt er in seinem täglichen Handeln an den allermeisten Lehrkrankenhäusern Tätigkeiten der Weiterbildung aus, in dem er einen separaten Tagesablauf fast komplett unabhängig von Assistenz- oder Oberarzt führt, Blutabnahmen oder sonstigen Tätigkeiten erledigt und seinen Vorgesetzten lediglich den Ball zuspielt ohne die Hintergründe zu begreifen. Dies geschieht erst, wenn der junge Stationsarzt als direkte Betreuung des Studierenden noch nicht die Erfahrung vorweisen kann, um gleichzeitig seine 20 Patienten zu betreuen, inklusive das Fertigstellen ihrer Diagnostik, Therapeutik und schließlich ihrer Arztbriefe.

Der Studierende ist also größtenteils damit beschäftigt, seinen auferlegten Aufgaben nachzugehen, während im Nebenzimmer die klinische Entscheidungsfindung zwischen Assistenz- und Oberarzt stattfindet. Ist der Studierende meistens am ausführende Ende der Kaskade, begegnen ihm dann doch gelegentlich Fallseminare, Fortbildungen oder ähnliche Möglichkeiten.

Die Kliniken geben sich meist sehr viel Mühe mit diesen PJ-Fortbildungen, welche den Studierenden zugleich ungewohnt wie genussvoll erscheinen. Es entsteht zunehmend eine Divergenz zwischen Alltag und Fortbildung für den Studierenden.

Auch hier möchte ich betonen, dass es dem PJ‘ler gut tut, all die oben genannten Tätigkeiten zu erlernen und noch wichtiger eine Sicherheit darin durch häufige Wiederholung zu gewinnen. Ich schätze auch dieses Element der Ausbildung.

Doch darf der Studierende nicht ausschließlich für das Ausführen von denselben Tätigkeiten über einen monatelangen Zeitraum abgestellt werden, da er sonst seinen Tagesablauf nicht nur „routinisiert“, sondern auch gedanklich normalisiert – kurz gesagt: „er lässt sich hängen“.

In dieser Sachlage gibt es keine klar zu erkennende Causa, auch und vor allem die fittesten Studierenden können so marginalisiert werden, sofern sie nicht gelegentlich intellektuell gefordert werden.

Wo liegt die Stellschraube an diesem sonst doch sehr geschätzten System? PJ-Studierende sind Studierende, somit in einem anderen Betreuungsverhältnis als Ärzte in Weiterbildung. Ein Arzt im ersten oder zweiten Jahr der Weiterbildung kann sich nicht um sich und einen Junior kümmern, egal wie gut er selber ist. Und im Sinne der Weiterbildung sollte er das vielleicht auch nicht tun, da er sonst seine Routine gar nicht zu hinterfragen weiß: Müssen wir dem Patienten heute unbedingt noch Blut abnehmen um den CRP-Wert am vierten Tag in Folge zu beobachten? Kann das Antibiotikum nicht mittlerweile oral gegeben werden? Und erwarte ich wirklich von meinem Studenten, dass er all seine Tätigkeiten ausführt, ohne diese kritisch zu hinterfragen?

Befinde der Studierende sich doch in einem eigenartigen Limbo-Zustand zwischen Aus- und Weiterbildung, so kann man ihn mit einer grundlegenden Maßnahme seinen Tag bereichern: Wertschätzung. Eben wie der Oberarzt seinem Assistenten Kritik und Lob gleichermaßen zu geben weiß, so sollte auch der Assistent mit seinem PJ-Studierenden verfahren. Und das wiederum kann er erst während den Anfängen seiner klinischen Weiterbildung erlernen, wenn er denn auch geschützt die Zeit dafür bekommt, um sich akademisch wie persönlich zu entwickeln. Hier stellt sinnbildlich das Gegenstück zur Frage „Who watches the watcher?“: Kann der Lehrling selber einen Lehrling unterrichten?

klausenwächter am Sonntag, 20. Juli 2014, 08:50
Arztrollen lernen
Im praktischen Jahr kann die zukünftige Rolle eingeübt werden. Ärztliche Techniken sind ein Aspekt des Rollensets. Ihre humane Anwendung in Umgebungen wie Kliniken und Arztpraxen wird durch ärztliche Vorbilder vermittelt. Die bisherigen Ermächtigten verlieren mit der neuen Akzentuierung des zukünftigen Medizinstudiums durch den Wissenschaftsrat ihre Bedeutung. Leitende Ärzte leiten Teams. Stationsärzte sind die nächste erreichbare Realität der zukünftigen Assistenzärzte. Die Ermächtigung zur Weiterbildung muß damit konsequent verlagert werden.