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Ärzten geht es besser als Lehrern

Donnerstag, 12. Juni 2014
Ärzten geht es besser als Lehrern

Neulich erinnerte ich mich an eine Szene aus Schulzeiten. Unser Gemeinschaftskundelehrer (einer von der Sorte, die ihren Unterricht mitunter in Einheiten aus 90 Minuten lang währenden Monologen einteilen) hatte uns gerade etwas über Perspektiven und deren Gesamtheit als Notwendigkeit zum Erschließen der Wahrheit erklärt.

 Ich – im Alter von 17 suchte ich noch den Anschluss an Gruppen, um meine Unsicherheit durch Abgleich mit den anderen in Scheinsicherheit zu verwandeln – nahm Anstoß daran, dass eine einzelne Person gegen die gesamte Menschheit mit einer Behauptung richtig liegen könne. Philosophisches Material ergab sich aus der folgenden Situation: ich behauptete, dass dies nicht möglich wäre, während unser Lehrer und die gesamte Klasse die Gegenposition einnahmen. Noch heute lache ich sowohl über meine damalige naive Denkweise sowie den Widerspruch von Inhalt der Positionen und Verhalten in der damaligen Unterrichtsstunde. Bisweilen zehre ich sogar vom Inhalt dessen, was ich damals hätte lernen sollen, was sich mir aber erst später erschloss.

Denn wie gesagt: kürzlich war es wieder soweit. Die Assistenten versammelten sich nach der Früh­besprechung in der Stationsküche, um vor Beginn des Pflichtprogramms noch schnell einen Kaffee zu trinken. Thema war heute der Vergleich mit anderen Berufen. Genauer: es ging um Lehrer. Da zwei von uns mit Lehrern liiert sind, konnten sie also mit Insiderwissen beitragen. Was mich erstaunte war, dass meine Kollegen, die bis zu neun Dienste im Monat zu verrichten hatten, und mindestens an einem Wochenende pro Monat arbeiten mussten, Mitleid mit der Belastung von Lehrern hatten.

Klar, auch ich hätte keine Lust auf eine Horde von Kindern, aber mit Kindern hatte ich es auch ab und an zu tun – und das immer (!) mit Eltern im Anhang. Ich argumentierte, dass die Arbeitszeiten und die damit einhergehende Lebensqualität (die Ferien erwähnte ich noch) sowie die mögliche Verbeamtung und die Privilegien als Rentner aus dem Staatsdienst die Belastung durch Arbeit mit Kindern wettmache und dass man sich einen solchen Beruf nur aussuchen sollte, wenn man dem gewachsen sei. Zumal man ja auch bei entsprechender Qualifikation an Oberstufen gehen könnte.

Nichts zu machen! Wir hatten es gut, die Lehrer waren die bemitleidenswerten Menschen…

Die Meinung der Gruppe – mich ausgenommen – war eindeutig, daran war nicht zu rütteln. Da ich Nachtdienst hatte (sechs Aufnahmen, drei stationäre Notfälle, diverse ambulante Konsultationen, Anrufe… kein Schlaf), war ich zu müde, die Fahne des Selbstmitleids weiter zu schwenken und ging heim, zumal ich noch ein paar Besorgungen tätigen musste, bevor ich ins Bett fiel (um gegen Abend wieder aufzuwachen und mich darüber zu freuen, dass ich bis zur Visite um sieben am nächsten Tag noch Zeit hatte…).

Als ich meine Einkäufe und Bürogänge erledigt hatte, genehmigte ich mir noch einen Kaffee in der Sonne, wenngleich mein Schlaf hierunter leiden würde. Es war bereits halb eins. Neben mir am Tisch sonnten sich zwei blonde Mittvierzigerinnen bei Kaffee und Eisbecher. Leider konnte ich das Gespräch nicht überhören. Es waren Lehrerinnen, die über die Belastung ihrer Arbeit klagten. Ich wagte die Frage nicht, ob sie Urlaub hätten (ich hatte morgens in der U-Bahn die übliche Horde Schüler getroffen, also waren keine Ferien) oder noch zur Arbeit gehen wollten (was in den Outfits unwahrscheinlich war, zumal sie noch diverse Geschäfte am Nachmittag besuchen wollten).  

Ging stattdessen in der Gewissheit heim, dass doch mal eine Einzelperson bei anderslautendem Allgemeintenor recht haben können sollte,

Euer Anton Pulmonalis

LuckylukeAC am Dienstag, 17. Juni 2014, 01:43
@bösmensch
katholische Gymnasien sind oft besser, als ihr Ruf! ;-)