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Kobayashi Maru

Donnerstag, 27. März 2014
Kobayashi Maru

Ahnungslos und verwirrt – sind das Attribute der aktuellen Generation an Studierenden? Zu Beginn des wohl einzigartigsten Filmes des Star Trek Franchise, „Wrath of Khan“, observiert der Zuschauer eine Kadettenprüfung der Sternenflottenakademie: Rette ein gestrandetes Schiff (die „Kobayashi Maru“) und setze dein eigenes Schiff dabei in höchste Lebensgefahr – oder überlasse das gestrandete Schiff einem sicheren Tod durch deine Feinde. Ganz egal für welche Option man sich entscheide, mündet das Szenario in eine Tragödie für alle Beteiligten: eine "lose-lose situation".

Dieser Test ist interessanterweise keine Abfrage von Fertigkeiten oder Wissen, die den Kadetten zu einem Sieg führen könnten. Ganz im Gegenteil soll beobachtet werden, wie der Kadett mit einer Niederlage fertig werden kann. Captain Kirk, der schillerndste Protagonist seiner Zeit bis zur Ablösung von seinem Nachfolger Picard, ist berühmt dafür, dass er nach mehrmaligen Niederlagen die Computerprüfung schlicht neu-programmiert hat, um doch einen Sieg herbeizuführen. 

Ein „Kobayashi Maru“ hat sich seitdem unter faszinierten Science-Fiction Lesern metaphorisch zu einer verzwickteren Version eines Catch-22 lanciert: ein Problem, das nicht mit bisher bekannten Fähigkeiten, sondern nur durch eine Redefinition des Problems gelöst werden kann.

Auch wenn die Kadettenprüfung weit in der Zukunft spielt, sehe ich eine gewisse Ähnlichkeit zu den Studierenden unserer Zeit. An anderer Stelle in diesem Blog („Bruchteile", 12.11.13) habe ich bereits darauf verwiesen, wie eine Änderung im Studienverlauf eine gewisse Lethargie unter den Studierenden ausgelöst haben könnte. Es ist heutzutage nicht mehr „angesehen", wenn man sich zu früh für eine Karriereperspektive entscheidet, stattdessen möchte man möglichst lange offen für verschiedenste Optionen bleiben. 

Die Frage nach dem perfekten Weg der Karriere ist ein Mythos, an und für sich. Selbstverständlich ist der Charakter der Fachdisziplin auch ein Abbild des Charakter des Arztes - ein hektischer Arzt wird also wahrscheinlich kein Radiologe. Allerdings kann man in vielen benachbarten Fachdisziplinen glücklich werden, sobald man die richtige Richtung eingeschlagen hat. Unsere Studierenden unterhalten hingegen bislang ihre romantische Ader und suchen nach der "einen richtigen Disziplin“. Dieses Problem an sich ist eine lose-lose situation, ähnlich wie im Kobayashi Maru.   

Doch interessant wird es erst, wenn wir unsere Studierenden dabei beobachten, wie sie mit dieser Situation auskommen. Einige Studierende beginnen mit der Inneren Medizin als wohl breitestes Fach und wandern dann in andere Fächer oder die Wirtschaft ab. Andere Studierende beginnen ihre Weiterbildung und gestehen sich nur ungern im Verlauf zu, dass sie eine falsche Entscheidung getroffen haben. Doch egal wie man es dreht oder wendet, unseren Studierenden wird nachgesagt, sie wüssten nicht, wo sie hin wollen oder hätten nicht den nötigen Biss, um sich in ehemals heiß umkämpfte Disziplinen hinein zu trauen.

Um in der Analogie zu Star Trek zu bleiben, gibt es nur eine Lösung für diese Situation: die Problem­stellung an sich soll redefiniert werden. Wir sollen uns nicht fragen, warum die Studierenden sich nicht festlegen können, sondern warum ihre Wünsche und Träume nicht an Fahrt gewinnen. Heutzutage gibt es nicht mehr ein Überangebot an jungen Ärzten, sondern an Arbeitsstellen. Unsere Studierenden lassen sich dabei genau so sehr von den Disziplinen begeistern, wie sie es seit jeher tun. Einige Fachgesellschaften wie die Neurologen, Internisten und Chirurgen haben bereits erfolgreich vorgemacht, dass man Studierenden Appetit über frühzeitige Programme wie „Summer Schools“ oder
Kongressbesuche machen kann. 

Zumal eine gute Famulatur jederzeit Wunder für einzelne Studierende bewirken kann, erhält die breite Studierendenschaft nicht dieselben Chancen. Es entsteht ein gemischtes Repertoire an Motivationen und Zukunftsperspektiven, welche sich wiederum gegenseitig relativieren. Letztlich verschwinden die Ambitionen der Träumer, damit sie wieder „normal“ unter ihren Kommilitonen erscheinen können. 

Captain Kirk, haben Sie da eine Lösung für uns?