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Kardiologen strahlen mehr als Radiologen

Freitag, 10. Januar 2014
Kardiologen strahlen mehr als Radiologen

Myokardszintigraphie, perkutane koronare Intervention (PCI), kardiale Radiofrequenzablation und auch die CT-Koronarangiographie haben in letzten Jahren dazu geführt, dass die Patienten in der Kardiologie einer steigenden Strahlenbelastung ausgesetzt sind. Die Kardiologen sind die Radiologen von heute, heißt es in einem Positionspapier der European Society of Cardiology. Mittlerweile sind Kardiologen für 40 Prozent der Gesamtbelastung der Patienten verantwortlich, hat dort ein Team um Eugenio Picano von der Universität Pisa ausgerechnet. Die Durchleuchtung bei einer PCI beispielsweise entspreche der Strahlendosis von 750 Röntgenuntersuchungen des Thorax.

Röntgenstrahlen können Krebs auslösen. Das zusätzliche Lebenszeitrisiko auf eine Krebserkrankung liegt laut Picano bei einer PCI zwischen 1 zu 1.000 und 1 zu 100 für einen 50-Jährigen Mann. Bei Frauen sei das Risiko um 38 Prozent höher. Bei Kindern sogar viermal so hoch. Fast 1 Million PCI würden in Europa jedes Jahr durchgeführt, viele davon unnötigerweise, meint der Physiologe. Kardiologen würden die Untersuchung viel zu häufig durchführen. Selbst in Zentren, in denen das Einkommen der Ärzte nicht von der Zahl der Untersuchungen abhänge, seien 30 bis 50 Prozent der Untersuchungen „ganz oder teilweise unangemessen“ fährt Picano in dem Beitrag fort, der im European Heart Journal (2014; doi: 10.1093/eurheartj/eht394) veröffentlicht wurde.

Picano fordert, dass Kardiologen den Patienten vor der Untersuchung die vermutliche Strahlendosis nennen und diese nach der Untersuchung schriftlich festhalten. Dies sei durch die EU Richtlinie 97/43/EURATOM vorgesehen, aber bisher nicht europaweit gesetzlich umgesetzt. Patienten könnten ebenfalls einen Beitrag leisten, indem sie die Angebote unnötiger Screeninguntersuchungen zurückweisen.

Patrizio Lancellotti, der Präsident der European Association of Cardiovascular Imaging, einem Gremium der European Society of Cardiology, verteidigt die Veröffentlichung des kritischen Papiers als den richtigen Schritt zur rechten Zeit. Die europäischen Kardiologen seien international die ersten gewesen, die in ihrem Fachbereich das Thema aufgegriffen hätten.