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Fremdsprachigkeit des Arztes

Freitag, 3. Januar 2014
Fremdsprachigkeit des Arztes

Mit einem Kollegen kam ich ins Gespräch über die Unterschiede in den Krankenhaus- und Gesundheitssystemen. Persönliche Erfahrungen wurden ausgetauscht, und ich sinnierte über mein halbes Jahr als Assistenzarzt 2007/2008 in Frankreich.

Da ich weitestgehend zweisprachig – Deutsch und Englisch – aufgewachsen bin, war das Arbeiten im englischsprachigen Umfeld nie schwierig für mich. Ganz anders im Französischen: Trotz vieler Jahre Französischunterricht, obwohl ich mich flieβend in Wort und Schrift fühlte, diese Kenntnisse mir auch von einem Institut Franςaise bescheinigt wurden, ich mehrere Austauschprogramme nach Frankreich unternommen hatte, dort famulierte, oft ins zweisprachige Elsaβ für Kurzaufenthalte fuhr, persönliche Kontakte zu allerlei französischen Freunde führte, so war das ärztliche Arbeiten dort 2007/2008 doch deutlich schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich musste feststellen, dass ich zu Anfang nur begrenzt auf dem Niveau eines französischsprachigen Arztes arbeiten konnte, obwohl genau das von mir verlangt wurde.

In meinen Notaufnahmediensten – die übrigens jeder Assistenzarzt jeder Fachrichtung an jenem französischen Universitätskrankenhaus machen musste – stand ich vor dem Dilemma, dass ich dysphasische Patienten nur bedingt verstehen konnte, Dialekte und Akzente ungewohnt, mir scheinbar einfache Begriffe wie jemanden röntgen, Handgelenk oder Blutkultur trotz Vorbereitung nicht ausreichend vorhanden waren, und viele Medikamente und Erkrankungen (z.B. SEP (sclérose en plaques) für die Erkrankung MS (Multiple Sklerose) oder die Abkürzung VIH (virus de l’immunodéficience humaine) statt HIV) andere Namen aufwiesen.

Ich erinnere mich bis heute sehr genau, wie mir bei der ersten Reanimation in meiner ersten Notaufnahmenacht schlicht die Begriffe fehlten, und ich mir Vorwürfe machte, dass der Tod dieses älteren, multimorbiden Patienten zum Teil von meinen Sprachdefiziten herrührte.

Natürlich verfeinerten sich meine Sprachkenntnisse zügig, zum Teil weil ich diszipliniert jede Nacht Vokabeln und Grammatik paukte, viele französischsprachige Zeitungen las und Fernsehen zur Erlangung verschiedener Sprachniveaus schaute, mit französischen Freunden und Mitbewohnern die Diskussion suchte und mir ein Deutsch- und Englischsprechverbot in den ersten Monaten selber auferlegte. Aber selbst ein halbes Jahr später, als ich Frankreich wieder verlieβ, war ich nicht so flieβend in der Patientenkommunikation, wie ich es auf Deutsch und auf Englisch vermochte.

All das erörterte ich mit meinem Kollegen, und uns beiden stellte sich die Frage, inwieweit fremdsprachige Ärzte, zumindest am Anfang, eine andersgeartete Mortalität ihrer Patienten aufweisen. Stirbt einem Arzt, der seinen Patient aufgrund diskordanter Sprachfähigkeit nur begrenzt versteht und nicht im vollen Umfang mit dem Pflegepersonal und anderen Ärzten interagieren kann, eher ein Patient? Ist der Behandlungserfolg geschmälert, weil er nicht alle Nuancen des ärztlichen Gespräches beherrscht? Oder ist der zugewanderte Arzt vielleicht überdurchschnittlich in seinem ärztlichen Können im Vergleich zum heimischen Arzt und kompensiert, bzw. überkompensiert dieses sprachliche Manko dadurch? Allgemeiner gefragt: Wie zentral ist sprachliches Verständnis überhaupt für den Behandlungserfolg in einer in höchstem Maβe technologisierten und standardisierten Medizin?

Ich durchforstete die vor allem englischsprachige Datenbank Pubmed, fand aber bedauerlicherweise keine Studien, die untersucht hatten, ob patientensprachdiskordante Ärzte andersgeartete Behandlungserfolge im Gegensatz zu ihren örtlichen patientenkonkordanten Arztkollegen aufweisen. Vor allem die ersten Monate und Jahre des fremdsprachigen Arztes wären von höchstem Interesse. Leider bleibt diese Frage aus evidenzbasierter Sicht unbeantwortet, und kann die Befürchtung, dass Sprachdiskordanz sich negativ auf die Behandlung auswirkt, nicht abgeschüttelt werden.

Aber am Rande sei noch bemerkt, dass es immerhin Studien gibt, die Behandlungsparameter untersuchen. wenn die Patienten andere Sprachen sprechen als ihre sie umgebende Gesellschaft, einschlieβlich der Ärzte. Primär scheinen diese sprachdiskordante Patienten zwar schlechtere Behandlungsparameter aufzuweisen wie eine niedrigere Patientenzufriedenheit (Eskes C et al: Patient satisfaction with language-concordant care. J Physician Assist Educ 2013, 24(3): 14-22), eine längere Krankenhausverweildauer (Renzho A: Ischaemic heart disease and Australian immigrants: the influence of ethnicity and language skills on treatment and use of health services. HIM J 2007, 36(2): 26-36) und höhere Behandlungskosten (Hampers LC et al: Language barriers and resource utilization in a pediatric emergency department. Pediatrics. 1999, 103:1253–1256), aber die Mortalität scheint jedoch nicht negativ beeinflusst (John-Baptiste A et al: The effect of English language proficiency on length of stay and in-hospital mortality. J Gen Intern Med 2004, 19: 221–228).