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Bruchteile

Dienstag, 12. November 2013
Bruchteile

PJ-Fortbildung an einem normalen Dienstag und der Dozent fragt: was wollen Sie nach dem Staatsexamen machen? Betretene Stille.

Wenige trauen sich sofort eine Richtung anzugeben. Einige sagen, sie wollen sich nicht zu früh festnageln lassen – plötzlich geschieht etwas Faszinierendes. Der Dozent erzählt von seiner Studienzeit, den heiß umkämpften AiP-Stellen und dem Gefühl, dass man schon früh auf seinen Traum hinarbeiten musste. Teilweise entschieden sich die Studierenden, ihr Pflegepraktikum im selben Haus abzuleisten, in dem sie später auch Famulatur, PJ und AeP erledigten – nur, um nach der Approbation bereits beim Chef bekannt zu sein und eine bessere Chance bei der Einstellung zu haben. Ein PJ'ler sagt, unsere Generation kenne diese Konkurrenz gar nicht, da Ärzte überall gesucht werden – einzige Ausnahme seien die Unikliniken.

Daraufhin stellte der Dozent eine sehr interessante Hypothese in den Raum: das damalige Modell des AiP's hat viele Studierende gefordert, manche haben auf halben Stellen oder komplett kostenlos über Monate hinweg gearbeitet, um auf ihre Traumstelle zu kommen. Viele Ärzte sind dann in die Wirtschaft oder ins Ausland abgewandert. Zusätzlich entstand parallel zum Ärztemangel die angenehme Situation, in der sich die sogenannte Generation Y heute befindet - die Möglichkeit, Arbeitsumstände zu verbessern und auch strittige Punkte einzufordern.

Umso interessanter wird die Frage der Karriereperspektive nun schon in der Ausbildung. Studierende sind ad hominem Persönlichkeiten mit eigenen Talenten und Fertigkeiten in jeweils bevorzugten Fachdisziplinen – manche merken schon früh, dass sie lieber etwas Operatives machen wollen, weil sie dafür ein Händchen haben. Andere haben Spaß an der Arbeit mit Kindern oder alten Menschen, oder fühlen sich am wohlsten in den weiten Laboratorien einer Universität.

Das PJ ist mit seinen Pflichtanteilen die einzige Möglichkeit, in der die Ärzte von morgen die zwei großen Versorgungsdisziplinen der Medizin über einen relativ langen Zeitraum wahrnehmen können: Innere und Chirurgie. Dies müssten – führte der besagte Dozent aus – Kliniken erkennen und zeitgemäß umsetzen, ansonsten würden sie die Möglichkeit verpassen, Nachwuchs zu gewinnen. Er selber habe sich in seinem PJ für ein neues, zuvor unbeachtetes Fach entschieden - jenes, welches er meiner Meinung nach heute als sehr kompetenter und beliebter Dozent praktiziert. Hätte er vielleicht einen ähnlichen Weg in anderen Disziplinen eingeschlagen?

Letzten Endes bleibt die Frage, wie es zu dem Perspektivenwechsel zwischen der AiP-Generation und unserer Generation Y gekommen ist. Wenn ein Studierender zwischen Viszeralchirurgie und Gastroenterelogie wankt und ein sehr arbeitsintensives und lehrtechnisch uninspiriertes Chirurgie-Tertial erlebt hat, dann verwundert es nicht, dass er keinen Schritt in die operativen Disziplinen setzt.

Wir wissen dabei nicht, ob dieser Studierende nicht doch eher sein volles Talent in der Viszeralchirurgie entfalten hätte. Vielleicht wäre er ein Chefarzt, Lehrstuhlinhaber oder Forschungsmagnet geworden. Vielleicht wäre es ihm schlichtweg leichter gefallen, die Fertigkeiten eines Chirurgen als jene eines Internisten zu erlangen. Doch die vier Monate seiner Ausbildung prägen ihn für seine gesamte Lebenszeit - entweder er geht in die operative oder konservative Versorgung. An dieser Stelle sei erwähnt, dass der gleiche Sachverhalt auch durchaus in die entgegen gesetzte Richtung geschieht, sonst gäbe es keine Chirurgen mehr.

Ist es also der Zufall, der uns schlussendlich in eine Karriere treibt? Und wenn ja, wie kann man den Sachverhalt rationalisieren? Wie halten wir die Schicksale der Ärzte von morgen während ihrer Ausbildung möglichst informiert, jedoch von jeglichem Zwang unbeeinflusst? Und was können die Hochschulen als Hafen der Studierenden zu dieser Meinungsfindung beitragen?