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Ein rätselhafter Patient

Montag, 16. September 2013
Ein rätselhafter Patient

Neulich im Dienst hatte ich wie so häufig den Internisten an der Strippe: „Patient post Überdosis, einmal psychiatrische Mitbeurteilung bitte“. Die vorab Informationen waren spärlich, allerdings auch widersprüchlich. Angegeben hatte der Anfang 40jährige Mann, eine sehr große Überdosis Amitriptylin eingenommen zu haben. Klinisch ging es ihm aber sehr gut und sämtliche Untersuchungen waren unauffällig, was die angegeben Dosis höchst unwahrscheinlich machte.

Dem Internisten gegenüber hatte er kaum sprechen mögen und einen sehr depressiven Eindruck gemacht, aber mit den Krankenschwestern hatte er zwischendurch geschäkert. Der gepflegt wirkende Mann, den ich dann sah, sprach auch mit mir kaum. Seine Stimme war leise, das Sprechen verlangsamt. Er vermied Augenkontakt, wirkte sehr gedrückter Stimmung und antwortete auf viele Fragen gar nicht.

Was er jedoch immer wiederholte war, dass er a) nicht mehr leben möchte und b) das Krankenhaus sofort verlassen möchte, um sein Leben zu beenden. Gründe dafür nannte er zunächst nicht, sprach dann später jedoch von einer Trennung vor einigen Monaten und dass seine Ex-Partnerin ihn geschlagen habe. Sonstige psychosoziale Schwierigkeiten verneinte er und lehnte gleichzeitig sämtliche von mir angebotenen Hilfen und Unterstützungen ab. Auch eine stationäre Aufnahme lehnte er ab.

Obwohl er selbst im Krankenhaus vorstellig geworden war und keinerlei Anstalten machte, das Krankenhaus zu verlassen wiederholte er beständig, dass er nun gehen und seinem Leben ein Ende setzen wolle. Dabei nannte er verschiedene Methoden, wie er dies zu tun plane. Mir erschien es fast, als wolle er, dass die Situation auf ein „Mental Health Act Assessment“, also eine mögliche Zwangseinweisung hinaus lief.

Aufgrund der unklaren, unvollständigen Anamnese und der möglichen Risiken erschien das „Mental Health Act Assessment“ auch tatsächlich notwendig. Für ein solches bedarf es zweier Ärzte mit speziellen Befugnissen („Section 12 approved“) und eines Sozialarbeiters. Weiterhin ohne sich zu beschweren oder Anstalten zu machen, das Krankenhaus zu verlassen, wartete der Mann die zwei Stunden ab, bis die Truppe eingetrudelt, war um ihn zu befragen und über eine mögliche Zwangseinweisung zu entscheiden.

Einer der beiden eingetroffenen Ärzte staunte dann jedoch nicht schlecht. Erst zwei Tage zuvor hatte er denselben Patienten unter einem anderen Namen in einem anderen Krankenhaus für ein „Mental Health Act Assessment“ gesehen. Nach und nach stellte sich heraus, dass der Patient auch in unserem Krankenhaus unter verschiedenen Namen, jedoch nicht dem aktuell angegebenen, im System war. Diagnose: Münchhausen Syndrom.