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Sich und Andere

Dienstag, 27. August 2013
Sich und Andere

In deutschen Krankenhäusern herrscht eine unklare Trennung zwischen privat und gesetzlich versicherten Patienten. Gegenüber liegende Stationen verschiedenartiger Versicherungsstände sind oft Welten auseinander, manchmal treffen diese Welten auch innerhalb eines Patientenzimmers aufeinander. Wo hört die gedankliche Trennung auf, oder: viel interessanter - wo fängt sie an?

Als Studierender im praktischen Jahr kann ich Ihnen verraten, dass der derzeitige Versicherungs­stand nicht viel im eigenen Handeln beeinflusst. Sicher - der Chef kommt öfters vorbei oder man hat mehr Platz im Zimmer. Der Kaffee schmeckt aber überall gleich, könnte man behaupten. Die Blutabnahmen gestalten sich in einer sehr ähnlichen Balance von Mühsamkeit, Vorsicht und geschickten Ablenkungsmanövern. Und viel wichtiger – jeder Patient, egal aus welchem sozialen Stand stammend, wird nach allen aktuellen Regeln der Kunst behandelt. 

Dies soll keine Rechtfertigung eines Gesundheitssystems sein, welches zweifelsohne genug Schwächen inne hat. Allerdings möchte ich die Frage in den Raum werfen, ob auch alle Ärzte jenseits von Arztpraxen, also jene in Krankenhäusern der Regel- oder Maximalversorgung nicht auch eine ähnlich zweckgetriebene Sichtweise haben? 

Jegliche Reform einer Gedankenstruktur, auch wenn ideologisch von verschiedenen Seiten schon lange gefordert oder diskutiert, muss ultimativ auch von exekutiven Kräften implementiert werden. Und ich frage mich, wie eine Reform aussehen müsste, um die Mehrheit deutscher Ärzte in der alltäglichen Versorgung tatsächlich substanziell zu erreichen. 

Sie werden schließlich so ausgebildet, dass jeder Patient gleich ist – doch nicht alle Patienten erwarten das von ihrem Arzt. Gesundheit ist nicht nur ein Gut, sondern auch ein Anspruch. Haben alle Menschen den selben Anspruch an sich – oder viel interessanter: an Andere?

EEBO am Samstag, 28. September 2013, 13:03
Privatstation - was die Patienten nicht wissen...
Schließe mich dem Vorkommentar an. Auch der Spruch: "Bloß nicht den Patienten innerhalb des Hauses verlegen, sonst verlieren wir den Fall!" Höre ich aus dem Munde meiner Bonus-Malus-geplagten Vorgesetzten oft. Dieses Vergütungssystem ist für einen Großteil des ganzen Übels verantwortlich, da die Erbsenzähler hier am einfachsten in die Patientenversorgung hineinpfuschen können.
Was aber auch mal festgestellt werden muß: Nachteile für Privatpatienten können auch dadurch entstehen, daß der Chefarzt Behandlungen selber durchführt (anstatt zu delegieren), die nicht seine Spezialität sind (z.B. eine bestimmte Operation usw.), was zu einem schelchteren Ergebnis führen kann.
Zuletzt - um auf den Titel zurückzukommen: Die meisten Krankenhäuser bieten ja Komfort-, Wahlleistungs-, Privatstationen an. Was sich zunächst goldig anhört (Einzelzimmer, frisches Obst am Bett, Bademantel, Internetzugang, Parkettimitat, Tageszeitung), ist dann problematisch, wenn der behandelnde Arzt einmal täglich für 5 Minuten den Patienten sieht und dann für den Rest der Zeit auf die Normalstation verschwindet. Dort angekommen, befindet er sich in engem Kontakt mit dem Pflegepersonal und seinen Patienten, kann entsprechend rasch eingreifen, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist. Auf der Privatstation betreut entweder ein fachfremder Arzt ein Sammelsurium von Patienten, die er nicht wirklich kennt, oder es besteht eine "Rufbereitschaft" für den behandelnden Arzt. Wenn hier die Kommunikation nicht gut funktioniert (und wann tut sie das in Zeiten von Personalnot schon?), gehen wichtige Fakten unter, Anordnungen werden nicht korrekt umgesetzt usw. Kurz und gut ist die Privatstation nicht immer das Gelbe vom Ei, wenn es um eine bestmögliche Patientenversorgung geht.
Loewenherz am Freitag, 27. September 2013, 19:35
re: Beeinflussung über den Versicherungsstand
"Das jeder Patient von seinen Behandlern nur nach medizinischen Gesichtspunkten beurteilt wird, sollte eine Selbstverständlichkeit sein." (Gnaarz)
- Lieber Gnaarz, genau das ist leider etwas, was ich im Krankenhausalltag tagtäglich immer wieder anders erlebe. Weniger die Frage "privat" oder nicht spielt allerdings hier die Rolle, sondern ein Haufen an Abteilungs- / Krankenhausinternen Anreizsystemen und monetären Zwängen. Da ist der Chefarzt der vor dem Wochenende nochmal darauf hinweist "bitte alles aufzunehmen, was geht", da die Betten gerade zu leer sind, am Wochenende darauf der Hinweis "eher großzügig heimschicken" bei Bettenmangel.
Da sind die Abteilungen die um Patienten konkurrieren, weil Fallgewichte durch den intermittierenden Intensivaufenthalt so schön hoch sind. Und auf der anderen Seite die zu raschen Entlassungen, a la "ach, das wird schon gut gehen", weil der protrahierte Verlauf den Fallwert zu schmälern droht.
Manche Untersuchung wird eher großzügig angemeldet, weil in der Abteilung noch Fallzahlen für die Facharztausbildung gesammelt werden müssen, manche Untersuchung wird unter großzügiger Indikation angemeldet, weil man den Status als "Kompetenzzentrum" / "Schwerpunkt" halten möchte.
Von dem was ich im Alltag so sehen kann wird weder mit Privatpatienten, noch Kassenpatienten, wirklich Schindluder betrieben - aber die Indikationen für manche Entscheidung sind eben nicht - entgegen allseitigem Postulat von Politik, Ärzten und Verwaltungen - rein medizinischer Natur.
Leider ist es in einem System der Privatisierung heutzutage wohl so, dass medizinische Integrität einer Ober- und Chefarztkarriere oftmals hinderlich ist.
Gnaarz am Mittwoch, 18. September 2013, 09:50
Beeinflussung über den Versicherungsstand
Der Versicherungsstand beeinflusst das eigene Handeln als PJ-Student vielleicht nur marginal, die Gesamtbehandlung aber massiv. Weil für Privatpatienten mehr Geld abgerechnet werden kann, haben sie in vielen Häusern deutlich mehr Komfort während des Aufenthalts und auch mehr Personal bei der Betreuung.
Je nach Klinik werden die Patienten sogar in einer eigenen Privatklinik untergebracht um damit noch mehr Geld zu machen.

Abgesehen von der Unterbringung werden diagnostische Schritte viel schneller angegangen, das ist aber nicht unbedingt von Vorteil für die Patienten.

Das jeder Patient von seinen Behandlern nur nach medizinischen Gesichtspunkten beurteilt wird, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Genau deswegen schadet ein gegenläufiger monetärer Anreiz zur Ungleichbehandlung durch unterschiedliche Honorarsysteme.