aerzteblatt.de

Alma mater

Dienstag, 30. Juli 2013
Alma mater

Sie hören nicht oft von mir, dass die Amerikaner etwas besser machen. Ganz im Gegenteil, vielleicht verweise ich mal gern an das britische System, aber nur in absoluten Notfällen an das US-amerikanische. Doch bei zweierlei Sachen haben sie uns doch die Nase voraus, auf eines möchte ich hier eingehen: Das Konzept der „Alma mater“, auf deutsch die „nährende Mutter“.

Im angloamerikanischen Raum, ein mit viel Tradition besetzter und häufig benutzter Begriff, bezeichnet es mehr als nur die Universität, an der man studiert hat. Diesen Terminus umgibt eine gesamte Kultur, eine Identität. Nach angloamerikanischem Verständnis ist die Hochschule ein Ort, an dem mehr geschieht, als neues Wissen zu erforschen und zu erlernen. 

Es existiert eine wohlempfundene Zugehörigkeit zu den Eigenheiten und Besonderheiten, seien es die urigen Gänge zum Hörsaal oder die sommerlich besuchten Wiesen und Cafés. Die Vernetzung im Semester erstreckt sich noch weit über das Studienende, mit regelmäßigen Jahrgangstreffen und Neuigkeiten über das Wohlergehen der Hochschule. Die Absolventen sagen nicht „ich habe Medizin studiert“, sondern „ich habe in San Francisco und Montreal studiert“.

Die Schaffung eines Profils der Hochschule mitsamt Motto, Leitlinien und einer eigenen Identität steht dabei im Vordergrund. Es geht dabei nicht zwingend um den Status, die die Alma mater in der Öffentlichkeit mit sich trägt, sondern auch um die persönliche Verbindung zu seinen Studienzeiten. Extracurriculare Aktivitäten werden gefördert, aber nie entlohnt. Man findet seine Freunde nicht nur in Hörsälen und Seminaren, sondern auch abends im Chor oder nachmittags beim Basketballspielen. 

Nun hatten die Angloamerikaner nie die 68er Bewegung, so wie wir sie in Deutschland mitsamt seiner Vor- und Nachteile erfahren haben. Den offensichtlichsten Vergleich kann man heutzutage darin ziehen, wenn man beobachtet, wie viele der damals propagierten Werte in die heutige Politik Einzug gefunden haben. Einige der dort entstandenen Errungenschaften genießen Studierende auch noch heute, beispielsweise ein höchst demokratisches Mitbestimmungsrecht in Gremien. Ein strittiger Nachteil ist aber eben eine teilweise Abschaffung von Traditionen und Riten, welche die Identifikation mit dem Campus stärken könnten.

Nun propagiere ich keinesfalls eine Rückbesinnung auf alle jene Werte, denn dies wäre nicht zielführend. Heutzutage haben Studierende aber oft das Gefühl, dass die Universität nur ein Ort ist, der seinen Zweck erfüllen soll – kein Zuhause mehr, lediglich ein Arbeitsort.

Meiner Ansicht nach kann man nur dann am besten studieren, wenn man oft und gerne nachfragt, diskutiert und in sich geht. Es sind aber nicht immer die lauten Momente im Hörsaal, die den Studierenden dazu bringen, diesen Tätigkeiten nachzugehen – sondern vor allem die stillen Momente des Rückzugs, in denen man mit einem Pappbecher voll Kaffee auf den Stufen des Gebäudes sitzt und wie wild in seinem Herold kramt. Oder wenn man mit seiner Lerngruppe beim Mittagessen ununterbrochen über die Prüfung spricht, auch wenn und vor allem obwohl alle schon viel zu aufgeregt sind.

Die angloamerikanischen Hochschulen haben sich viel von unserem Humboldtschen Bildungsideal abgeschaut und daraus nach langer Zeit ihr eigenes Erfolgskonzept formuliert. Nun ist vielleicht die Zeit gekommen, in der wir Deutschen uns nach alternativen Erfolgskonzepten umschauen, um etwas dazu zu lernen. Man hat ja nie vollständig ausgelernt, wird uns immer gesagt…