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Geregelte Bahnen

Freitag, 24. Mai 2013
Geregelte Bahnen

Studium – oft als „die beste Zeit des Lebens“ tituliert. Um ehrlich zu sein, hatte ich mich ja schon etwas gefreut, dass das Medizinstudium gleich sechs Jahre dauert. Zwölf Semester – genug Zeit, um die „Tiefen der Medizin anzureißen“, aber vor allem, um den „ideellen Wachstum“ zu nähren – alles gängige Erklärungsvorschläge, wenn ich zufällig Gespräche über die Dauer und Materie des Studiums auf­schnappe. „Altärzten“ zufolge werde sich nie wieder eine so großartige Lebensweise kundtun, wie sie
es in der Studienzeit tat. Jedoch berichten auch gern all jene, die sich der Medizin abgeschworen haben und sich in die Unweiten der Politik oder Wirtschaft getraut haben, über einschneidende Lebenserfahrungen, welche ihnen gelehrt haben, dass Medizin doch nichts für sie sei.

Dadurch, dass das Medizinstudium einen hohen Numerus clausus hat, stehen die Abiturienten meistens vor der sehr aktiven Entscheidung, ob sie sich dafür bewerben sollen. Was die meisten Studienbeginner dann dazu treibt, ist ein Traum von ihrem künftigen Beruf – ein Abbild von offenen Perspektiven. Dieser Traum lebt sich schon sehr früh aus, im ersten Patientenkontakt, während des Krankenpflege­praktikums oder bei den ersten naturwissenschaftlichen Kursen. Es überkommt sie ein Bauchgefühl, dass das nur der Beginn einer langen Karriere mit verschiedenster Vielfalt ist, und vieles sich auf dem Weg erst ergibt.

Wenige Jahre später bemerke ich allerdings, dass einige Studierende anders auf ihren Weg blicken. Dieser Blick ist keinesfalls negativ gefärbt, sondern eher etwas eingeschränkt im Vergleich zum Studienbeginn. Manche sprechen vom natürlichen Lauf der Dinge – der Studierende wird sich bewusst, dass der anstehende Abschluss schon früh nach einer Spezialisierung ruft. Viele wollen am liebsten ihre Doktorarbeit und ihr praktisches Jahr in den Disziplinen ihrer Wahl absolvieren, um schon an der Luft zu schnuppern. 

Andere mögen diese Einschränkung aber eher für eindeutig zu früh empfinden. Ich frage mich aber: Wie früh ist zu früh? Sind den Studierenden die zwölf Semester nicht genug, um sich zu entfalten beziehungsweise zu finden?

In Hinblick auf die Schulzeit während der Oberstufe, in der die meisten eine so gravierende Entscheidung für ein Medizinstudium binnen drei bis vier Jahren fällen, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass die vollen sechs Jahre des Studiums zu wenig sind. Vielleicht liegt das Problem etwas tiefer, als man es auf den ersten Blick vermutet.

Was passiert denn in den sechs Jahren? Die Studienlage zur „Studierbarkeit“ ist erschreckend gering. Chen et al (2012) wiesen bislang nur darauf hin, dass Studierende mit zunehmender Studienzeit weniger Empathie aufweisen („traumatic de-realization“). Interessant ist für mich der Punkt, dass Studierende mit früherem Studienbeginn über weniger Empathie verfügen sollen. Man könnte argumentieren, dass Empathie nur eines von vielen sozialen Fertigkeiten ist, die man im Laufe der Persönlichkeitsentwicklung erlernt.

Aber was auffällt, ist, dass alle befragten Studierenden, die von einem künftigen Arzt erwünschte Entwicklung nicht teilen. Dabei werden soziale Fertigkeiten im Studium besprochen und geübt, wenngleich die benötigte Quantität nur strittig ausgelebt wird. Wo bleibt das alles also hängen?

Unter Pädagogen ist allgemein bekannt, dass unter anderem ausreichende Zeit für Vor- und Nachbereitung die Studierbarkeit ausmacht. Die enorme Stundenlast während des Studiums, wie sie von vielen Studierenden beklagt wird, spielt dabei eine gar nicht so unwichtige Rolle. Wo bleibt dabei die Zeit, zu Hause in Büchern oder Journals nachzuschlagen, in Kliniken oder sozialen Einrichtungen Praktika zu machen oder einfach nur den langersehnten Saxophonunterricht nachzuholen?

Die starke Verschulung der medizinischen Studiengänge bestimmt oft von sich aus, zu welchem Zeitpunkt die einzelnen Kurse gemacht werden sollen – wie können Studierende da ihre eigenen Präferenzen entwickeln, wenn sie einen gewissermaßen standardisierten Studienablauf haben?

Hinzu kommt, dass Studierende von einer stark spezialisierten Hochschulmedizin geprägt werden. Es gibt viele große Disziplinen, in denen man sich wiederfinden kann und soll. Karrieren werden als bereits definierte Wege wahrgenommen, die man später abgehen kann. Die Perspektive verengt sich automatisch und unbewusst, auch wenn der Gesundheitsberuf sehr vielfältig sein kann.

Ich bemerke, wie sich einige Studierende nach mehr Selbstbestimmung und weniger Verschulung im Studium sehnen. Man beachte an dieser Stelle, dass ich wohlbedacht von Studium und nicht von Ausbildung spreche. Der Aspekt der „medizinischen Ausbildung“ ist von unnachahmlicher und extrem bedeutungswerter Natur – ohne die viele Praxis wäre der Jungarzt an seinem ersten Arbeitstag komplett aufgeschmissen. Allerdings wünschte ich mir persönlich, das Medizinstudium in Gesprächen und Beiträgen auch stärker als Studium zu handeln, und nicht ausschließlich als Ausbildung.

Ich vermute, dass Studierende nicht einfach „an Interesse verlieren“, sondern zunächst mit dem Studienvolumen fertig werden müssen, bevor sie die notwendige, erwünschte persönliche Entfaltung angehen können. Dass der ein oder andere sich auf dem sechsjährigen Weg dann doch umorientiert, ist nicht zu verhindern. Aber durch Freiraum für mehr Persönlichkeitsentwicklung kann man die Studierenden motivieren, ihren eigenen Weg zu suchen, um sie längerfristig gezielt einzubinden. 

Vielleicht sollte man sich nicht die Frage stellen, welche Fächer man zusätzlich einführen könnte, um die Studierenden für jeden Aspekt des Arztdaseins aufmerksam und bereit zu machen, sondern einfach mal das Medizinstudium zu einem echten Studium machen – freie Entfaltung und Selbstbestimmung, und vor allem ausreichend Zeit dafür. Ein Studium neben der Ausbildung. Da hatte Humboldt vielleicht gar nicht so unrecht.