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Medikamentensicherheit

Freitag, 14. Juni 2013
Medikamentensicherheit


Was ich hierzulande sehr hilfreich finde, ist die intensivere Zusammenarbeit mit den Pharmazeuten. Sie sehen zwei Mal wöchentlich auf der Station die Medikamentenbögen durch, weisen dann auf Interaktionen oder Alternativen hin und gleichen zudem mit der sogenannten „Medication Reconciliation“ ab, ob die bei Aufnahme verschriebenen Medikamente korrekt wie vom Hausarzt verordnet sind.

Aber auch sonst sammelte ich neue Erfahrungen: Sechsseitige Medikamenten-Faltblätter hatte mein erstes englisches Krankenhaus im Angebot, auf die aber oft gar nicht alle Medikamente drauf passten, so dass einzelne meiner Patienten drei solcher Faltblätter hatten. Im neuen Krankenhaus passen mehr Medikamente auf ein Faltblatt, dieses gleicht dafür aber von Format und Dicke her einem DIN á 4 Reiseprospekt.

Zudem gab es Schulungen, wie diese Blätter auszufüllen sind. Warum so ausführlich? Wegen der Medikamentensicherheit! Diesen „Reiseprospekt“ zu beschriften war eine Erfahrung für mich – allerdings keine schöne. In Deutschland erschien es mir so simpel, ein Medikament aufzuschreiben, welches dann gegeben wurde, und sobald der Bogen keinen Platz mehr ließ, übertrugen Krankenschwestern die laufenden Medikamente auf einen neuen Bogen.

 Hier reichte es nicht, Medikament, Darreichungsform und Dosierung aufzuschreiben. Es müssen zusätzlich Route, spezielle Hinweise und Startdatum notiert werden. Soweit sehe ich das ein. Es müssen allerdings auch die Bedarfsmedikamente wöchentlich abgezeichnet werden und die Medikamentenbögen regelmäßig neu geschrieben werden, spätestens alle vier Wochen (in der Psychiatrie ein Zeitraum der durchaus überschritten wird), meist aber viel früher, weil jede Dosierungsänderung oder Änderung weiteren Platz verbraucht, und der Bogen damit hinfällig oder von den Krankenschwestern nicht mehr bearbeitet wird.

Ja, richtig gelesen – nicht mehr bearbeitet wird, so dass Patienten gar keine Medikamente bekommen, bis alles abgeschrieben ist von einem Dienstarzt, der manchmal wegen Betreuung der Notaufnahme erst viel später kommen kann. Die häufige Neuschreibung der Bögen ist nicht nur sehr zeitintensiv, sondern auch erneutes Risiko für Fehlerquellen.

Während die ausführliche Verschreiberei zu mehr Medikamentensicherheit führen soll, fand ich das Ergebnis so manches Mal „beating its purpose“, also ins Gegenteil umschlagend. Um es etwas anschaulicher zu machen: ein aggressiver Patient wird eher deutlich länger fixiert bis ein Arzt eintrifft, als das Medikament zu bekommen, welches bereits verschrieben ist, aber bei dem ein Startdatum fehlt oder jemand vergessen hat, das wöchentliche Häkchen zu setzen (was immer wieder mal vor kommt). Selbst eine telefonische Verordnung (da man im Dienst verschiedene Standorte betreut und häufig nicht vor Ort ist) reicht vielen Krankenschwestern in diesem Fall nicht aus, um das Medikament zu geben. Auch wenn ich manche Vorteile sehe bin ich doch von der Rigidität dieses Systems nicht ganz überzeugt.

(Fairerweise sollte ich jedoch anmerken, dass die Vorgaben lokal sehr zu variieren scheinen).

sienkian am Mittwoch, 3. Juli 2013, 13:55
Fehler
"Die häufige Neuschreibung der Bögen ist nicht nur sehr zeitintensiv, sondern auch erneutes Risiko für Fehlerquellen. "
Dem kann ich so nur zustimmen, jedoch passiert es in Deutschland noch viel häufiger. Die Schwestern schreiben die Medikamente jede Woche neu. Zudem schreibe ich sie auf einen Blatt, damit die Schwester von dort abschreibt, es in die Kurve einträgt um es dann nächste Woche wieder auf ein neues Blatt zu schreiben.
Da ich zuerst in England gearbeitet habe und dann nach Deutschland gekommen bin, muss ich sagen ich war schockiert von den vielen Medikamentenfehlern die es hier in Deutschland gibt.
Medikamente werden vergessen, erfunden und sonst alles mögliche. Und ob der Patient die Medikamente erhalten und genommen hat bleibt zu erraten