aerzteblatt.de

Bis die Kasse klingelt

Mittwoch, 10. April 2013
Bis die Kasse klingelt

„Ladydoc, du weißt nicht, wofür du Geld ausgeben kannst“, lachte mein Kollege neulich, während er mit seiner Burberry Tasche winkte und sich an die Dolce & Gabbana Brille tippte. Wir saßen beim Mittagessen und unterhielten uns über „Locum“ Jobs. Locums sind Vertretungsärzte, deren Aufwand ganz gut bezahlt wird (als Beispiel: für „Core Trainees“ gibt es in unserem „Trust“ knapp 240 Euro nach Abzug der Steuern für eine 12 h Schicht). Heute scheint ja eher ein Phänomen vergangener Zeiten, als deutsche Ärzte sich übers Wochenende ins Königreich aufmachten, um dort ein paar Stunden zu klotzen.

Zumindest ist mir noch kein solches Exemplar hier begegnet. Gehört hatte ich zum ersten Mal als Studentin davon, als die Zeitungen groß berichteten, wie ein deutscher Allgemeinmediziner während eines Locum Jobs in England versehentlich einen Patienten mit Opiaten überdosierte. Der Patient verstarb. Damals hat mir das ganz schön Respekt eingeflößt und gewissermaßen habe ich den bis heute nicht verloren.

Mit einer Einarbeitung etwas länger irgendwo zu vertreten, ist natürlich kein Problem, aber ich rede von Einzelschichten an völlig unbekannten Lokalitäten. Neue Computersysteme, neue Telefonnummern, unbekanntes Personal. So oft wie ich mich hier in meiner ersten Nachtschicht verlaufen habe (um es anschaulicher zu machen: vom Psychiater Büro waren es gut 10 Minuten Fußweg über etliche Gänge und Abbiegungen hinweg bis in die Notaufnahme), während das Telefon pausenlos klingelte, möchte ich mir auch den Stress zusätzlich zum Vollzeitjob nicht mehr antun. Mein Kollege hingegen schon.

Er ist schon in den verschiedensten Krankenhäusern der Umgebung gewesen und weiß mittlerweile, wo es „ruhiger“ ist, so dass er etwas gezielter auswählen kann. Allein aus unserem „Trust“ kommen mehrmals wöchentlich Angebote, einzelne Dienste zu vertreten. Zusätzlich hat sich mein Kollege auch bei einer Vermittlungsagentur registriert, die praktisch täglich landesweite Angebote schickt. „Theoretisch“, so erklärte er mir, „kann man 24 Stunden durcharbeiten.“

sienkian am Mittwoch, 3. Juli 2013, 14:07
CT1
In meinem Trust gab es auf CT1 level (Facharztausbildung 1. Jahr) 45 Pfund/ std
Andreas Skrziepietz am Freitag, 12. April 2013, 13:51
Es fehlt natürlich der Vergleich
zu den Stundenlöhnen anderer Berufsgruppen in UK.
petrulus am Freitag, 12. April 2013, 11:44
9, 25, 130
Das stimmt, Andreas Skrziepietz. In Frankreich habe ich damals 9 Euro die Stunde fuer Extraarbeit verdient. In Deutschland verdiente ich immerhin schon 28 Euro (Wochentage, an Feiertage 50% Aufschlag). In den USA sind es mitterlerweile $130 die Stunde, bei niedrigeren Steuern. Wenn man es nicht anders kennt - in Frankreich gibt es bestimmt immer noch genug, die fuer jene 9 Euros arbeiten und sich freuen nach einer 24-Stundenschicht etwas mehr als 200 Euros verdient zu haben.
Loewenherz am Donnerstag, 11. April 2013, 17:54
240:12:0.6
Sind geschätzt bei effektiven 35% Steuersatz knapp über dreissig Euro brutto, wenn ich die Versicherungen rauslasse. Entspricht wenn ich mich recht erinnere, versicherungskorrigiert, in etwa dem Gehalt eines Assistenzarztes im 5. Weiterbildungsjahr ohne Facharzttitel (müsste um die 27 brutto liegen)l.

Sind die Gehälter in GB eingebrochen, oder hab ich mich verrechnet?
Andreas Skrziepietz am Mittwoch, 10. April 2013, 22:29
240:12
ergibt 20 €. Seine Majestät der Handwerker steht dafür nicht auf. Und der Arztkollege in den USA auch nicht.