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Welche Diagnosen Hausärzte am häufigsten übersehen

Mittwoch, 6. März 2013
Welche Diagnosen Hausärzte am häufigsten übersehen

Wenn ein Patient wenige Tage nach der Konsultation eine Notfallaufnahme aufsucht oder ungeplant im Krankenhaus behandelt werden muss, besteht der Verdacht, dass der Hausarzt etwas übersehen hat. Hardeep Singh vom Veterans Affairs Medical Center in Houston hat aus den elektronischen Krankenakten zweier Kliniken 190 solcher „Trigger“-Ereignisse gefischt und das diagnostische Prozedere von zwei Experten analysieren lassen. In 68 Fällen konnten sie zeigen, dass die Ärzte gute Gelegenheiten zu einer Diagnose verpasst haben. Die häufigsten übersehenen Erkrankungen waren Pneumonie, dekompensierte Herzinsuffizienz, akutes Nierenversagen, Krebserkrankungen und Harnwegsinfektionen/Pyelonephritiden, also durchaus häufige, wenn nicht gar alltägliche Diagnosen.

In der Praxis stellen sich die Patienten allerdings selten mit einem Leitsymptom vor, das sofort zur Diagnose führt. Husten, Bauchschmerzen oder Atemnot sind nicht nur häufige Beschwerden, sie können auch auf sehr unterschiedliche Erkrankungen hinweisen. Deshalb sollte der Arzt die Schilderungen der Patienten immer zum Anlass für differenzialdiagnostische Überlegungen nehmen, die dann durch Anamnese, körperliche Untersuchung und klinische Tests eingegrenzt werden.   

Hier gab es die häufigsten Versäumnisse: Bei fast 80 Prozent der verpassten Diagnosen hatten die Ärzte auf differenzialdiagnostische Überlegungen verzichtet (oder sie zumindest nicht in den Krankenakten notiert). Dass die Ärzte Testergebnisse falsch interpretierten, die Patienten nicht zu weiteren Nachsorgeterminen einbestellten oder eine notwendige Überweisung unterlassen hatten, war sehr viel seltener Grund für die übersehene Diagnose. Auch Patienten-bezogene Fehler, etwa die unterlassene Schilderung von Beschwerden oder ein mangelndes Krankheitsverständnis, waren eher selten.

Wie wichtig das differenzialdiagnostische Gespür der Hausarztes ist, zeigt sich auch darin, dass ein Drittel der Patienten Beschwerden in den Vordergrund stellten, die kein Symptom der verpassten Diagnose waren. Hausärzte sollten deshalb beim Erstkontakt mit dem Patienten diagnostisch breit aufgestellt sein und nicht die Vermutungen der Patienten zu ihren eigenen Diagnosen machen.

Dass immer wieder Diagnosen verpasst werden, hat weniger mit der Tatsache zu tun, dass Ärzte wie andere Menschen auch, sich hin und wieder irren, oder einen groben „Patzer“ begehen. Verpasste Diagnosen hängen eher mit der Komplexität medizinischer Diagnostik zusammen, die zu den schwierigsten Aufgaben für den menschlichen Verstand gehört, wie David Newman-Toker Johns Hopkins University School of Medicine in einem Kommentar schreibt.

R. Frank am Samstag, 9. März 2013, 06:18
Diagnostische Irrtümer bei Hausarzt-Kontakten - JAMA 2013
1) "Diagnostic errors are an understudied (!) aspect of ambulatory patient safety" - gibt es denn keine Förderer?
2) "Patient-practitioner encounter breakdowns were primarily related to problems with history-taking (56.3%), examination (47.4%), and/or ordering diagnostic tests for further workup (57.4%)", also Mängeln an den elementaren medizinischen Verfahren.
3) Die Beobachtung, dass in anderen Arbeitsbereichen Stück- oder Akkordlohn mit mehr Mängeln im unmittelbaren Arbeitsprozess einhergeht und produktionsbegleitende Qualitätskontrollen durchgesetzt sind, wird nicht angeführt, sondern vorgeschlagen: "Preventive interventions should target common contributory factors across diagnoses, especially those that involve data gathering and synthesis in the patient-practitioner encounter."
4) So I hope for the patients that we make progress in finding "contributory factors".