aerzteblatt.de

Rapamycin: Immunsuppressivum als Neuro-Enhancer

Montag, 2. Juli 2012
Rapamycin: Immunsuppressivum als Neuro-Enhancer

Die KOLIBRI-Studie des Robert Koch-Instituts hat in der letzten Woche gezeigt, dass viele Deutsche regelmäßig zu Neuro-Enhancern greifen, um Konzentration und kognitive Fähigkeiten zu steigern. Bei den meisten beschränkt sich dies auf Energy-Drinks, Traubenzucker und andere Getränke. Immerhin 1,8 Prozent der Frauen und 1,3 Prozent der Männer greifen nach eigener Auskunft aber auch zu Medikamenten (Antidepressiva) oder sogar zu illegalen Substanzen.

Einige Patienten, die nach Organtransplantationen mit Rapamycin (hier besser als Sirolimus bekannt) behandelt werden, erhalten das Neuro-Enhancement möglicherweise als Nebenwirkung ihres Medikaments geschenkt - sofern die tierexperimentellen Ergebnisse von Veronica Galvan von der Universität von Texas in San Antonio auf den Menschen übertragbar sind (was ja bekanntlich nicht immer der Fall ist). Galvan hat jedenfalls festgestellt, dass Rapamycin die Lernfähigkeit von Mäusen steigert und den kognitiven Abbau im Alter vermindert. Das Mittel scheint auch eine angstlösende und antidepressive Wirkung zu haben. Im Gehirn der Tiere war die Konzentration der „feel-good“-Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin erhöht, berichtet Galvan.

Ob das alles für den Menschen relevant ist, muss, wie erwähnt, offen bleiben. Den Organtrans­plantierten wäre die positive Nebenwirkung (sofern sie nicht zur Unvernunft verleitet) ja gegönnt. Ein Missbrauch scheint unwahrscheinlich, da die Medikamente kaum erschlichen werden können und die lange Liste der sonstigen Nebenwirkungen eher abschreckend wirken dürfte.

Aus pharmakologischer Sicht ist Rapamycin ein faszinierendes Molekül. Das Makrolid wurde bereits 1965 auf der Suche nach antimykotisch wirksamen Substanzen auf den Osterinseln (Rapa Nui) im Erdreich entdeckt. Später wurde seine hemmende Wirkung auf T-Zellen erkannt.

Seit Ende der 90er Jahre (Deutschland 2001) wird es zur Prävention von Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen eingesetzt. Die verwandte Substanz Tacrolimus ist auch als Externum gegen Dermatitiden zugelassen. 2009 wurde beobachtet, dass Rapamycin das Leben von Mäusen verlängert. Derzeit wird seine Wirkung in der Krebstherapie untersucht, und es gibt Hinweise, dass Rapamycin gegen Morbus Alzheimer aktiv sein könnte, was aber ebenso unbewiesen ist wie die Wirkung gegen Autismus, HIV und die tuberöse Sklerose Sklerose. Die Faszination der Forscher darf hier nicht mit einer belegten Wirksamkeit verwechselt werden.