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Aderlass bessert metabolisches Syndrom

Donnerstag, 21. Juni 2012
Aderlass bessert metabolisches Syndrom

Im Mittelalter war der Aderlass das Mittel der Wahl für eine Vielzahl von Erkrankungen. Jetzt prüft ein Mediziner der Berliner Charité, ob die Phlebotomie bei einer Krankheit wirksam sein könnte, an der eine Vielzahl von Menschen leiden: Etwa ein Viertel aller Erwachsenen in Deutschland hat ein metabolisches Syndrom.

Es ist ein medizinisches Sinnbild der Überflussgesellschaft. Menschen mit dem metabolischen Syndrom haben von allem zu viel. Sie sind nicht nur zu dick, sie haben auch zu viele Fette und zu viel Zucker im Blut, das sich mit einem zu hohen Druck in den Blutgefäßen bewegt. Eine nahe liegende Therapie könnte darin bestehen, das Zuviel zu entfernen – am einfachsten über eine Öffnung in der Armvene durch einen regelmäßigen Aderlass.

Das klingt zu einfach, um wahr zu sein. In einer ersten Pilotstudie an 64 Patienten mit metabolischem Syndrom hat die Gruppe um Andreas Michalsen von der Berliner Charité jedoch durchaus eine günstige Wirkung erzielt. 31 Probanden wurde zweimal im Abstand von vier Wochen je 300 Milliliter Blut abgenommen. Dies führte nach 6 Wochen gegenüber einen Vergleichsgruppe von 29 Personen zu einer Abnahme des systolischen Blutdrucks um 16 mm Hg.

Diese Reduktion kann sich durchaus mit Ergebnissen messen lassen, die in Medikamentenstudien zum Beispiel mit ACE-Hemmern oder Betablockern erzielt werden. Leider fehlen Angaben zum diastolischer Blutdruck, der für das kardiovaskuläre Risiko der entscheidende Wert ist. Auch der Rückgang von Cholesterin und Blutzucker verfehlte das Signifikanzniveau. Es ist deshalb nicht erwiesen, dass der Aderlass wirklich die erhoffte Wirkung erzielt. Die notwendige Evidenz soll jetzt eine von der Carstens-Stiftung geförderte Studie bringen.

Eine günstige Wirkung könnte schon die Idee einer Aderlasstherapie (und seine mediale Verbreitung) haben. Wenn sich nämlich nur ein Bruchteil aller Menschen mit metabolischem Syndrom in den kommenden Wochen zur Blutspende melden würden, wäre ein Mangel an Bluttransfusionen, zu dem es jedes Jahr in den Sommermonaten kommt, schnell behoben.