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Primärprävention: Statine für alle (über 50)?

Montag, 21. Mai 2012
Primärprävention: Statine für alle (über 50)?

Statine senken das LDL-Cholesterin, das ein wichtiger Risikofaktoren für die Atherosklerose und ihre Folgeerkrankungen ist. Da die Statine in der Regel gut verträglich sind, kommt immer wieder der Vorschlag, die Indikation auf Personen auszudehnen, deren Cholesterinwerte nur mäßig erhöht sind. Da Labortests teuer, die Medikamente günstig sind, wird gleich gefordert, alle Personen über 50 mit einem niedrig dosierten Statin zu behandeln. Nicht ohne Grund ist Simvastatin Bestandteil der „Polypille“.

Der jüngste Vorstoß kommt von den Cholesterol Treatment Trialists’ (CTT) Collaborators um Colin Baigent von der Universität Oxford. Die Gruppe hat die Daten von 27 randomisierten Studien mit 175.000 Personen ausgewertet. Ergebnis: Jede Reduktion des LDL-Cholesterins um 1 mmol/l senkt die Wahrscheinlichkeit auf ein großes kardiovaskuläres Ereignis (Herzinfarkt, Schlaganfall oder koronare Revaskularisierung) innerhalb der nächsten 5 Jahre um ein Fünftel – und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht und Ausgangs-LDL-Cholesterinwert. Auch Personen, deren Risiko auf ein kardiales Ereignis bei unter 10 Prozent für die nächsten 10 Jahre liegt, profitieren von der Therapie.

Im Prinzip sind die Ergebnisse nicht neu. Bereits im letzten Jahr war eine Meta-Analyse der Cochrane Collaboration zu dem Ergebnis gekommen, dass die Primärprävention mit Statinen die Sterblichkeit senkt. Fiona Taylor von der London School of Hygiene and Tropical Medicine in London und Mitarbeiter waren damals allerdings in ihrer Beurteilung vorsichtiger. Sie verwiesen auf die Unsicherheiten in den Studien und rieten auch wegen der unklaren Kosten-Nutzen-Relation bei Personen mit niedrigem Risiko eher von einer Behandlung ab. Baigent bezieht dagegen klar für die Primärprävention Stellung und verweist darauf, dass bei Personen mit niedrigem Risiko (10-Jahresrisiko unter 10 Prozent) durch die Einnahme von Statinen über 5 Jahre insgesamt 11 Ereignisse auf 1000 Behandelte verhindert werden können.

Für die einzelne angesprochene Person bedeutet dies allerdings, dass sie über 5 Jahre fast 2.000 Tabletten (1826 genau genommen) einnehmen müssen, um ihr absolutes Risiko auf Herzinfarkt und Schlaganfall um etwa 1 Prozent zu senken. Der British Heart Foundation, die die Studie (mit anderen) in Auftrag gegeben hat, schwant wohl, dass dieses Argument die wenigsten Menschen überzeugen wird.

Denn von den Patienten, denen - in der Regel zur Sekundärprävention – dringend zur Einnahme von Statinen geraten wird – nimmt nach den Erkenntnissen der britischen Kardiologen nur jeder dritte die Tabletten regelmäßig ein. Der Fachverband hat deshalb eine Kampagne gestartet, die die Compliance steigern soll. Im Zentrum steht die britische Comedy-Legende Tommy Cooper, der 1984 vor den Augen eines Millionen-Publikums einen Herzinfarkt erlitt und auf dem Weg ins Krankenhaus starb. In der Öffentlichkeit war Cooper als starker Raucher und Alkoholiker bekannt. Ob auch seine Cholesterinwerte erhöht waren?