aerzteblatt.de

Deutschlandeindruck V: Der Staat soll's richten

Donnerstag, 3. Mai 2012
Deutschlandeindruck V: Der Staat soll's richten

Es fällt schon auf, dass der Ruf nach dem Staat in Deutschland größer als in den USA ist. Gibt es einen – vermeintlichen oder reellen – Misstand, dann soll der Staat es richten. Genügend Beispiele lassen sich dafür aufzeigen, wo der Staat vermeintliche Notstände beheben soll, ob nun beim sogenannten Pflegenotstand bei Demenzkranken, fehlenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Praxisgebühr usw. Die deutsche Mentalität scheint von diesem Staatszentrismus nachhaltig geprägt, sowohl auf Makro- als auch Mikroebene; auf der Mikroebene verlangt der Einzelne oft, dass der Staat Einzelleistungen zu bezahlen und für sein individuelles Wohlergehen zu sorgen habe.

Viele solche Beispiele sind mir in meinen Hospitationswochen begegnet. Aus meiner Sicht schienen sie oft absurd und/oder unverschämt, während die Patienten hingegen oft empört waren, dass der Staat oder die Krankenversicherung ihm die geforderte Hilfsleistung nicht bewilligen wollte.

Ein 74-jähriger Patient war z.B. sichtlich verstört als wir ihm mitteilten, dass er aufgrund seiner nicht sehr schweren Lungenentzündung keinen Anspruch auf staatlich bezahlte Reha hätte. In seinen Augen stand ihm aber eine Reha an der Ostsee zu, und er erzählte von Bekannten die eine solche erhalten hatten. Einen Antrag stellte er trotzdem.

Ein anderer Patient wiederum, der kürzlich Pflegestufe I erhalten hatte, erkundigte sich, warum wir bei seiner Aufnahme nach Mobilitätseinschränkungen fragten, ob wir dies aus ärztlicher oder aus Krankenkassensicht täten. Wir ließen uns beide Versionen schildern und stellten fest, dass es wohl für viele selbstverständlich sei, sich Zusatzgelder vom Staat geben zu lassen, anders als von T. Adorno behauptet also ein falsches in einem richtigen Leben zu führen.

Eine Patientin lamentierte laut, dass ihr Hausarzt sie nicht krankschreiben wolle um ihren Mann im Krankenhaus zu besuchen – welch ein Unmensch, denn nun musste sie abends kommen! Aber auch in Deutschland lebende Ausländer scheinen die Mentalität internalisiert zu haben: So gab es beispielsweise eine serbische Familie, die mehrmals die Woche uns Ärzte darum baten eine größere und vom Staat für sie bezahlte Wohnung für sie zu beschaffen – die vier Schlafzimmer würden für die sechs Kinder nicht ausreichen. Am Ende unserer erfolglosen Bemühungen waren sie sehr irritiert, dass man ihnen (vorerst) nicht hatte helfen können.

Die in Deutschland herrschende Staatsgläubigkeit und im Umkehrschluss bestehende Nehmermentalität – Motto “mir steht das ja zu” – ist aus US-Sicht nicht ganz nachvollziehbar. Angesichts enger werdender Kassen ist dieses auch eine Einstellung, die nicht mehr lange aufrechterhalten werden kann; beziehungsweise der Staat wird schlanker oder die Steuern eben höher.

Doch die Nehmermentalität ist weiterhin sehr beliebt und hat nun auch politisch in Deutschland eine weitere Partei für ihre Zwecke gefunden, eine immer stärker werdende Partei, die kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, bedingungsloses Grundeinkommen und andere vom Staat und damit der Gesellschaft zu bezahlende Dinge verlangt: Die Piratenpartei.

Grosswardeyn am Mittwoch, 25. Juli 2012, 11:45
Ruf nach Staat begründet wo der Staat allmächtig ist (in Europa)
Misstände werden zuzmeist von Gesetzen verursacht, die immer zu spät kommen. Daher der Ruf nach dem Staat. Und da beißt sich diese Organiation in der eigenen Schwanz, wie der Drache im Wappenbild des Drachenordens oder der Báthorys...
Brech am Sonntag, 6. Mai 2012, 13:15
Krankenkassen
O, je. Da hält der Kollege die Leistung der gesetzlichen Krankenkassen für eine staatliche Wohltat. Da man 20% des monatlichen Einkommens dafür hinlegt, und zwar je ärmer, desto mehr, da es eine obere Beitragsbemessungsgrenze gibt, ist es das aber nicht. Die Privatpatienten stehen bei Ihnen vermutlich nicht im Ruf, auf staatliche Wohltaten auszusein, zahlen oft sogar weniger, sind aber meistens nicht genügsamer in ihren Ansprüchen. Ganz im Gegenteil, aber da sehen Sie die Ansprüche whrscheinlich als berechtigt an. Mann, Mann, Mann. Ich habe den Eindruck, dass Sie mit der Erwartung, dass in Deutschland alles nach dem Staat schreit, hergekommen sind, und das diese Erwartung Ihnen den Blick auf die realitäten verstellt.
MfG, eine gesetzlich versicherte Kollegen, die auch in Diensten darunter leidet, dass der Schnupfen nach drei tagen um 3 Uhr nachts abgeklärt werden muss.
Senbuddy am Samstag, 5. Mai 2012, 00:41
Peter Sloterdijik plädiert...
...für eine "Ethik des Gebens". Ein in jeder Hinsicht interessanter Gedanke.

Er propagiert damit "freiwilliges Geben" und "Bedanken" im Gegensatz zum in Deutschland in allen Schichten und Institutionen so weit verbreiteten und immer staatsbezogenen "Anspruchs-, Abgaben- und Steuerungs-Denkens".

Als Idealbild stellt er dabei liberale schweizer Kantone vor, in denen mündige Bürger verantwortungsvoll über die Höhe von Sozialleistungen und Steuersätzen in Referenden entscheiden und in denen die Finanzämter sich für gezahlte Abgaben am Jahresende bedanken und dem Steuerzahler Anerkennung dafür zollen.

Das wird in der deutschen Mentalität wohl immer unvorstellbar bleiben. Bei den Amerikanern kommt es in den kleineren "local communities" vermutlich wohl schon eher vor.

Viele Grüße
S.
ÄrzteblattBenutzername am Freitag, 4. Mai 2012, 22:33
@ Patroklos:
zu: „Das wurde ihnen leichtsinnigerweise ermöglicht mit Wahnsinnsfolgen für den Rest der Welt. Da wäre mehr Staat vielleicht hilfreich gewesen.“

Hilfreich? Die US-Regierung hat versucht die Zahl der Hauseigentümer zu steigern, u. a. durch Steuervorteile, und hat die Immobilienblase durch niedrige Zinsen befeuert. Einfach mehr Staat, das leuchtet mir da als Lösung nicht ein.
Patroklos am Freitag, 4. Mai 2012, 15:26
Sozial abhängiges Anspruchsdenken?
Anspruchsdenken ist in Deutschland keinesfalls auf bestimmte soziale Schichten beschränkt!!
Die Problemlagen einzelner hier genannter Patienten, die sich auch mit ihren sozialen Anliegen an den behandelnden Arzt wenden, sollten doch im Kontext gesehen werden und nicht zum Politiseren benutzt werden.
Wie sieht es denn aus mit diesem Anspruchsdenken in den USA? Mir scheint, dass die Amerikaner kein geringeres Anspuchsdenken haben. Vielleicht äussern sie das nicht während einer Behandlung, weil es da nicht hingehört.
Auslöser der Finanzkrise war doch wohl der Anspruch vieler unvermögender Amerikaner, ein eigenes Dach über dem Kopf haben zu wollen. Das wurde ihnen leichtsinnigerweise ermöglicht mit Wahnsinnsfolgen für den Rest der Welt. Da wäre mehr Staat vielleicht hilfreich gewesen.
Senbuddy am Freitag, 4. Mai 2012, 12:27
@ petrulus und @Zuze2000
@Petrulus
Ich kann Ihnen nur beipflichten.

Wenn einem eine Sozialhilfeempfängerin in die Praxis kommt und einen großen blauen Müllsack voll nicht eingenommener (und großenteils nicht mal geöffneter) Medikamentenpackungen "zur fachgerechten Entsorgung" mitbringt, kann auch jeder Unbedarfte erahnen, was Nehmermentalität ist.

@zuze2000
Dieses pauschale "Draufhauen" auf "die Banken" ist ungerechtfertigt.

Und in den meisten öffentlichen Diskussionen ist es von einseitiger, ideologisch geprägter Staatsgläubigkeit getragen.
Hier mal ein Gedankenanstoß für Sie, sich zu dem Thema etwas genauer zu beschäftigen:

Die deutschen Banken, die in der Finanzkrise in Not geraten sind, waren fast ausschließlich staatliche und halbstaatlichen Institute:
- HSH-Nordbank
- WestLB
- IKB
- SachsenLB
- KfW
- BayernLB u.a.
Dazu kamen noch jede Menge Stadtkämmerer bis runter zu Kleinstädten, die entgegen ihrem dienstlichen Auftrag mit Derivaten (!) aller Art gehandelt haben und bei so einer (natürlich immer unerwarteten) Krise damit ihre städtischen Finanzen ruiniert haben.

Die einzige Bank im Privatsektor war die Hypo-Real-Estate (der Commerzbank wäre es durch die Dresdner-Übernahme auch ohne Krise passiert).

Und:
Ausschließlich bei den Staatsbanken war der Grund für die Probleme stets das unqualifizierte "Rumzocken" auf internationalen Finanzmärkten. Die HRE hat sich dagegen lediglich mit ihren Baufinanzierungen in den strukturschwachen ostdeutschen Gebieten übernommen.

Und:
Keine andere der ca. 150 privaten deutsche Banken hat Hilfe gebraucht oder beantragt. Gerade die Groß- und die Privatbanken machen nämlich meist ein recht vernünftiges Risikomanagement und wursteln nicht in "Großmannssucht" nur herum. Aber sie haben ja auch die besser bezahlten Banker und keine abgehalfterten Staatsekretäre als Manager.

Dazu ein zweiter Gedankenanstoß zur Griechenlandkrise:
Durch das Basel II-Abkommen von 2006 wurden alle Banken der westlichen Industrieländer von allen Regierungen zusammen gezwungen, all Ihre Geschäfte deutlich mehr als zuvor mit vermeintlich "sicheren" Staatsanleihen zu unterlegen. Sprich: Staatsanleihen zu kaufen.

Damit konnten sich alle Regierungen zusammen natürlich auch deutlich mehr verschulden. Wohin das bei gleichzeitig "zu viel Staat", verbunden mit zu viel "Nehmermentalität" führt, hat man dann bei Griechenland auch tatsächlich erlebt.

Aber ist man ein Schelm, wenn man bei solchen vermeintlichen "Schutzabkommen" wie Basel II eher Böses von Regierungen denkt ? Und weniger von "den Banken" ?

Für mich zeigt das alles vor allem eines: Besonders Regierungen (und alles halbstaatliche drumherum) sind die hauptsächlichen Betreiber unserer "Nehmermenatlität".

Und die Bürger machen im kleinen dann auch nur das, was der Staat im großen vormacht.

Viele Grüße
S.
zuse2000 am Freitag, 4. Mai 2012, 08:12
Eine "Nehmermentalität" haben ganz andere!
Hallo Herr Kollege, eine "Nehmermentalität" haben da ganz andere als die von Ihnen identifizierten Personenkreise, denen Sie offenbar am liebsten so manche Leistung kürzen möchten. Banken und multinationale Konzerne machen hochrisikoreiche Geschäfte - wenn´s gut geht wird kassiert und Steuern werden als "Diebstahl" bezeichnet.

Wenn´s schief geht wird nach dem Staat gerufen und der kommt willig gelaufen und gibt den Herren (und Damen) hunderte Milliarden an Subventionen damit es weitergehen kann mit dem Geld verdienen. Das ist in den USA nicht anders als in Europa und bekannt als das Prinzip "Gewinne privatisieren - Verluste sozialisieren".

Dass Sie hier jetzt auf Stammtischniveau gegen gierige Renter, Simulanten und Ausländer Front machen, dass ist schon gelinde gesagt unangenehm!

Und dem Vorkommentator Herrn Skrziepietz muss ich an dieser Stelle uneingeschränkt beipflichten.



stapff am Donnerstag, 3. Mai 2012, 20:11
Evolutionsdruck zur Faulheit
Gratuliere, Petrulus, zu dieser sehr korrekten und angesichts des Problems fast zu diplomatisch und nett geschriebenen Einstellung über die Nehmermentalität in Deutschland. Schon nach kurzer Zeit in den USA versteht man, dass dort Unternehmergeist und Risikobereitschaft innerhalb von nur 200 Jahren die weltweit größte Volkswirtschaft aufgebaut haben, weil sich Leistung lohnte und weil der tüchtige Erfolg hatte. Ein Sozialsystem, das nicht mehr auf Absicherung aufaut sondern nur noch eine Anspruchsmentalität befriedigt (siehe A.S' Forderung "gleichmäßig verteilt"), fördert auf Dauer nur Mittelmaß und richtet sich langfristig selbst zugrunde.
Andreas Skrziepietz am Donnerstag, 3. Mai 2012, 18:49
Angesichts enger werdender Kassen ist dieses auch eine Einstellung, die nicht mehr lange aufrechterhalten werden kann;
Noch nie in der Geschichte der Menschheit war so viel Geld im Umlauf wie heute - und noch nie war es so ungleich verteilt. Es gibt keine leeren Kassen. Das ist eine Lüge der politischen Klasse, um der Bevölkerung Sparmaßnehmen aufzuzwingen, damit mehr Geld für die Bankrotteure und Spekulanten da ist.