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Das Ende des „Maiglöckchen-Phänomens“

Freitag, 24. Februar 2012
Das Ende des „Maiglöckchen-Phänomens“

Schluss mit der romantischen Vorstellung, ein lieblicher Duft blühender Maiglöckchen würde die tapferste aller Samenzellen auf ihrem dunklen ungewissen Weg zur Eizelle geleiten. Dort in einer Nische der Schleimhaut erfüllt sich dann der Lebenszweck der ritterlichen Spermie in der Vereinigung mit der paarungsbereiten Eizelle, die ihre Treue sogleich durch die Ablehnung aller anderen Bewerber beweist.

Spermien können keine Düfte riechen, schreiben Christoph Brenker vom Center of Advanced European Studies and Research (caesar) in Bonn und Mitarbeiter, Augen zum Sehen fehlen ihnen ebenso, und auch ein Sinn für abenteuerliche Ambitionen ebenfalls. Kleine mit DNA gefüllte Säckchen mit einem primitiven Fortbewegungsmotor und begrenzten Energiereserven sind es, die sich dort im feuchten Milieu der Schleimhaut fortbewegen.

Angelockt werden sie nicht durch den Duft von Maiglöckchen, wie dies deutsche und US-amerikanische Wissenschaftler 2003 in Science behauptet hatten. Mit dem Duftstoff Bourgeonal hatten sie in der Petrischale eine Fährte gelegt, der die Spermien folgten. Die Studie hatte die Fantasie der Reporter angeregt.

Das Maiglöckchen-Phänomen lautete ein Buch über das „Riechen und wie es unser Leben bestimmt.“ Doch das ist für Brenker ein falsches Bild. Bourgeonal kann zwar die Richtung der Spermien beeinflussen, allerdings erst in einer hohen Konzentration, wie sie im menschlichen Organismus nicht vorkommt.

Die Bonner Forscher haben jetzt eine andere Ursache der Chemotaxis gefunden. Ihre Sensor, die sogenannten CatSper-Kanäle auf der Membran der Spermien, werden durch Progesteron gesteuert. Das Hormon, das sich ohnehin in den Kumuluszellen in der Nähe der Eizelle befindet, öffnet die CatSper-Kanäle, was dann den Einstrom von Kalzium und den Richtungswechsel der Spermie zur Folge hat. Das geruchlose Hormon wirkt laut Brenker in 1000fach niedriger Konzentration als der Duftstoff Bourgeonal.

Die CatSper-Kanäle sind ein möglicher Ansatzpunkt für ein Kontrazeptivum. Männer, die einen Gendefekt für CatSper tragen, sind unfruchtbar. Wenn es gelänge, die Wirkung weiblicher Faktoren auf die CatSper-Kanäle zu stören, könnte das zu einem neuartigen Verhütungsmittel führen, vielleicht sogar die lange gesuchte Pille für den Mann – hoffentlich in einer geruchlosen Variante.