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Warum Mao den Nobelpreis verdient hätte

Dienstag, 17. Januar 2012
Warum Mao den Nobelpreis verdient hätte

Im letzten Jahr wich das Nobelpreiskomitee erstmals von seinem Grundsatz ab, den Preis niemals an Verstorbene zu vergeben. Dies geschah aus Unwissenheit, denn der Preisträger, der Immunologe Ralph Steinman war, ohne dass die Öffentlichkeit informiert wurde, drei Tage vor Bekanntgabe der Preisverleihung verstorben. Sollte das Nobelpreiskomitee also ein ohne gebrochenes Gebot aufgeben und einräumen, dass große Entdeckungen nicht ohne öffentliche Forschungsgelder möglich sind, dann könnte man mit gewisser Berechtigung eine Person auf die Kandidatenliste für den Nobelpreis setzen, die diesen sicher nicht für seine Bemühungen um den Weltfrieden verdient hätte. Diese Person könnte aber den Weg für die Entwicklung eines der wichtigsten Medikamente der Gegenwart geebnet haben. Die Rede ist von keinem geringeren als Mao Zedong.

Dem Großen Vorsitzenden ist es nämlich zu verdanken, dass das Malaria-Medikament Artemisinin entdeckt wurde, das in Afrika bereits Millionen von Menschenleben gerettet hat. Dass die Rechnung heute die kapitalistischen Klassenfeinde aus den USA und Europa (als Stifter des Global Fund) bezahlen, würde Mao sicher gut gefallen.

Nun darf man aber nicht denken, dass der Bauerssohn aus der Provinz Hunan selbst darauf gekommen ist, dass der Einjährige Beifuß Artemisia annua L., eine Wirkung gegen die Tropenkrankheit haben könnte. Solche Lügen würde heute vermutlich nicht einmal der kleine stalinistische Nachbarstaat im Osten seinen Bewohnern auftischen (oder doch?). Tatsache ist auch, dass Qinghao, so der chinesische Name des Krauts, schon seit Jahrhunderten in der traditionellen chinesischen Medizin gegen diverse Leiden eingesetzt wurde, bevor es die moderne Medizin entdeckte.

Dass es die moderne Medizin entdeckte, ist maßgeblich dem Projekt 523 zu verdanken. Es wurde am 23. Mai (daher der Name) im Jahr 1967 begonnen, also zu Beginn der überaus wissenschaftsfeindlichen Kulturrevolution. In aller Heimlichkeit begaben sich chinesische Forscher auf die Suche nach einem Wirkstoff gegen die Malaria.

Und zwar aus militärischen Gründen: Der Anlass für das Projekt 523 war ein Hilferuf aus Nordvietnam, das sich im Krieg mit dem kapitalistischen Süden befand. Die Vietkong litten nicht nur unter den Bomben der US-Luftwaffe. Die Kampfkraft wurde im Dschungel auch durch die Malaria geschwächt – wie übrigens auch die der US-amerikanischen GIs im Süden, was das Walter Reed Institut motivierte, nach einem neuen Wirkstoff zu suchen und in Mefloquin auch zu finden. Mefloquin soll übrigens im direkten Vergleich schwächer wirken als Artemisinin. Auch dies würde Mao begeistern.

Mao machte es möglich, dass auch in China nach einem Malariamittel gesucht wurde. Dafür wurde nicht nur nach dekadenter westlich-empirischen Manier ungezielt zehntausende von Chemikalien gescreent. Man besann sich glücklicherweise auch auf die Möglichkeit, in den Quellen der Naturheilkunde zu suchen. Das Ergebnis war die Entdeckung von Artemisinin. Ohne Mao (und seine Berater) wäre dies vermutlich nicht geschehen. Doch die Last der wissenschaftlichen Arbeit hatten andere.

Unter ihnen der Forscher Tu Youyou von der chinesischen Akademie der Wissenschaften, der in diesem Jahr den US-amerikanischen Lasker-Preis erhielt und von vielen als aussichtsreicher Kandidat für einen den nächsten Medizinnobelpreise gehandelt wird. Ob dies Mao gefallen würde, wissen wir natürlich nicht – als Empfänger eines Preises des Klassenfeindes hätte Tu heute in der Kulturrevolution sicherlich schlechte Karten.