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Antibabypille, Abstinenz oder Kinderreichtum: Wie sich der Brustkrebs vermeiden lässt

Freitag, 9. Dezember 2011
Antibabypille, Abstinenz oder Kinderreichtum: Wie sich der Brustkrebs vermeiden lässt

In den westlichen Industrieländern erkrankt jede achte bis zehnte Frau im Verlauf ihres Lebens an Brustkrebs. Seit der Steinzeit hat sich die Rate um mehr als den Faktor 100 erhöht. Die Ursachen sind ebenso vielfältig, wie die Ratschläge zur Vorbeugung unrealistisch sind.

Mehr als 1 Million US-Dollar hat die US-Stiftung „Susan G. Komen for the Cure“ in ein Gutachten des renommierten Institute of Medicine (IOM) investiert, um den Einfluss der „Umwelt“ auf das Brustkrebsrisiko untersuchen zu lassen. Der Begriff „Umwelt“ ist hier sehr weit gefasst.

Gemeint sind weniger die Karzinogene in Autoabgasen oder Zigaretten, deren Anteile an der Brustkrebsentstehung verschwindend gering sind. Einen größeren Einfluss haben dagegen Alkoholkonsum, Adipositas, Bewegungsmangel und die Hormonersatztherapie.

Eine im Appendix D des Reports genannte Studie (Sprague et al. 2008) schätzt den Anteil dieser modifizierbaren Risikofaktoren an der Gesamtzahl aller Brustkrebserkrankungen (population attributable risk) auf etwa 40 Prozent, was vielleicht etwas hoch gegriffen ist.

Tatsache ist, dass die nicht modifizierbaren Risikofaktoren überwiegen: Dies sind eine frühe Menarche und eine späte Menopause, die Körpergröße und die Familienanamnese. Von großer Bedeutung ist auch die Zahl der Kinder und das Alter bei der ersten Schwangerschaft.

Diese Faktoren erklären, warum katholische Nonnen ein besonders hohes Risiko auf Brustkrebs haben (aber auch auf Endometrium- und Ovarialkarzinom, die aber wesentlich seltener sind). Der Zusammenhang ist lange bekannt. Er war bereits im 18. Jahrhundert dem italienischen Arzt Bernadino Ramazzini aufgefallen.

Eine wissenschaftliche Analyse wurde vor vier Jahrzehnten im Journal of the National Cancer Institute (1969; 42: 455-68) publiziert. Sie verleitete dieser Tage die Krebsforscher Kara Britt und Roger Short von der Universität Melbourne im Lancet (2011; doi: 10.1016/S0140- 6736(11)61746-7) zu dem ebenso überflüssigen wie medienwirksamen Vorschlag, alle katholischen Nonnen sollten doch die Antibaby-Pille nehmen.

Immerhin gebe es ja, so die Argumentation, Präparate mit denen sich Ovulation und Menstruation auf Dauer unterdrücken lassen. Warum dann nicht gleich eine Ovariektomie nach dem Eintritt in den Orden? Der Vorschlag ist überflüssig, weil er aus naheliegenden Gründen höchstwahrscheinlich nicht Gegenstand einer Leitlinie (sprich Enzyklika) werden dürfte.

Es ist auch keineswegs sicher, dass die langjährige Einnahme tatsächlich vorteilhaft wäre. Immerhin sind östrogenhaltige Hormonpräparate ja mit Risiken (Thromboembolie) verbunden, zu denen nach der Menopause auch das Brustkrebsrisiko (siehe: Women's Health Initiative) gehört.

dr.med.thomas.g.schaetzler am Samstag, 10. Dezember 2011, 15:15
Immer wieder köstlich ...
Seit der Steinzeit hat sich die Rate", der Prävalenz des Mamakarzinoms ist hier wohl gemeint, "um mehr als den Faktor 100 erhöht". Klaro, Stonehenge mit seiner kreisförmigen Anlage war eigentlich ein Senologie-Zentrum, nur die steinerne Mamilla in der Mitte ist später geklaut worden.

Alles nach dem Motto, früher und viel, viel früher war alles viel, viel besser als heute. Sozusagen, als die Luft noch sauber und der Sex noch schmutzig war?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund