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Praxisalltag – Teil 2

Freitag, 21. Oktober 2011
Praxisalltag – Teil 2

Ich bin in mehreren Praxen in Minneapolis bis dato tätig gewesen, wobei ich besonders häufig in drei von ihnen arbeite und mir daher sehr gut in Erinnerung geblieben sind. Ich könnte sie zwar als Praxis 1, Praxis 2 und Praxis 3 bezeichnen – als Internist nummeriert man sehr vieles in der Medizin; man denke an die Diabetes-Klassifikation, die NYHA Herzinsuffizienzgraden, die Einteilung des pulmonalen Hypertonus usw. – habe aber für sie meine eigenen Spitznamen mittlerweile entwickelt: “Meine Praxis”, die “Armenpraxis” und die “Reichenpraxis”.

Alle drei sind schwerpunktmäßig internistische Praxen, unterscheiden sich aber deutlich in Patientenstamm, logistischen Möglichkeiten, Patientenaktensystem und Ambiente. Sie reflektieren damit die Minneapolis- und USA-Gesellschaft.

In meiner Praxis bin ich geographisch und logistisch ans Krankenhaus angeschlossen. Dadurch erschließen sich den dort tätigen Ärzten viele diagnostische und therapeutische Möglichkeiten, die auch den Armen aus unserer Praxis zur Verfügung stehen, weil unser Ausbildungskrankenhaus viele Spenden für sozial Schwache einsetzt. Mit anderen Worten ist es eine ressourcenreiche Praxis.

Darüber hinaus haben wir sehr erfahrene Krankenschwestern und eine Sozialarbeiterin, die manchmal auf wundersame Weise Geldtöpfe ausfindig machen können, mit denen Patienten dann doch noch z.B. ihre Tuberkulosebehandlung bezahlt bekommen oder von bestimmten Fachärzten gesehen werden können.

Das Ambiente ist modern, das EDV-System auf hohem Krankenhausniveau. Der Patientenstamm rekrutiert sich zumeist aus der Nachbarschaft und der unteren soziökonomischen Schicht:  Viele afrikanische und asiatische Einwanderer, Süd- und Zentralamerikaner sowie arme US-Amerikaner.

Die Armenpraxis hingegen befindet sich direkt in einem Studentenviertel. Neben wenigen Minderheitenpatienten kommen überraschend viele Studenten, Arbeitslose und Hippies – es gibt sie noch! – in diese Praxis. Die Räume sind spartanisch eingerichtet, es wird noch mit Papierdokumentation und –rezepten gearbeitet, die handschriftlich geschrieben werden müssen und für jeden einzelnen Test muss ein bestimmter Dollarbetrag bezahlt werden: Zum Beispiel 15 für ein reguläres Blutbild, zusätzliche 35 für eine von mir durchgeführte Abszessspaltung.

Das Geld wird natürlich nicht von den Ärzten eingetrieben oder ihnen gegeben, denn sie arbeiten ehrenamtlich in dieser Praxis. Es wandert in die Praxismiete, das Gehalt der Krankenschwester und dem Kauf von Medikamenten, die wir manchmal umsonst herausgeben.

Wenn jemand nicht bezahlen kann, wird er trotzdem gesehen und kann dann den Betrag über einen bestimmten Zeitraum in Raten abstottern. Es versteht sich von selbst, dass die diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen sehr begrenzt sind.

Die Reichenpraxis ist da völlig anders strukturiert: Sie befindet sich unter demselben Dach mit anderen Praxen (Dermatologie, Orthopädie, Physiotherapie, Radiologie, ambulanter OP-Saal, großes Labor) und hat damit viel Ressourcenpotenzial. Der Patientenstamm besteht aus den Besserverdienenden von Minneapolis, die entsprechend hohe Erwartungen mit sich bringen.

Ein über mehrere Wochen bestehender Knieschmerz soll, so eine oft geschürte Erwartung, mit einem MRT abgeklärt werden. Alle Patienten sind im Besitz einer zumeist sehr guten Krankenversicherung und entsprechend sind Kostenerwägungen sekundär.

Die meisten der Patienten leben sehr gesundheitsbewusst und wenn Krankheiten festgestellt werden, dann meistens in den Frühstadien. Das EDV-System ist sehr gut, die Untersuchungszimmer – von denen es mehr als 30 Stück gibt – sind komfortabel ausgerüstet, ein kleiner Springbrunnen begrüßt die Patienten und die Wartezeiten sind minimal. Klassische Musik ertönt aus den Lautsprechern.

Entsprechend in welcher Praxis ich tätig bin, ändert sich natürlich nicht nur der Patientenstamm und die Ambiente, sondern auch meine Herangehensweise. Die US-Medizin ist wie ihre Bevölkerung: Vielschichtig.

Patroklos am Montag, 24. Oktober 2011, 10:37
Wirklichkeiten.
Da bin ich sehr froh, dass es eine solche Differenz innerhalb des deutschen Gesundheitswesens noch nicht gibt, auch wenn Tendenzen dahin existieren. So grundverschiedene Wirklichkeiten können eine Gesellschaft auf Dauer zerreissen.