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Praxisalltag – Teil 1

Mittwoch, 19. Oktober 2011
Praxisalltag – Teil 1

Ambulantes Arbeiten ist Teil der internistischen Facharztausbildung in den USA; sie erfolgt natürlich unter der Obhut von ambulant tätigen Oberärzten. Doch nicht nur bei den Internisten, sondern bei den meisten Fachrichtungen muss ein Teil der Weiterbildungszeit, zumeist knapp 20 Prozent der Ausbildungszeit, in ambulanten Einrichtungen abgeleistet werden. Dafür wird man als Assistenzarzt meistens mehreren Praxen zugewiesen und muss in sehr regelmäßigen Abständen in einer Praxis ambulant arbeiten.

In meinem konkreten Fall bedeutet es, dass ich durchschnittlich einmal die Woche einen Praxistag in einer von drei zugewiesenen Praxen habe. Eine von diesen dreien ist dabei „meine“ Hauptpraxis, d.h. ich habe meinen eigenen Patientenstamm vonrund 150 bis 200 Patienten, die mich als ihren Hausarzt ansehen.

Ich habe eine mir zugewiesene Praxiskoordinatorin, einen eigenen Arbeitsplatz, eigene Formulare, die ich für meine Patienten ausfüllen muss, meine eigenen Visitenkarten usw. Wir Assistenten nennen diese Praxis einfach nur „Medicine Clinic“.

Wenn ich dann Sprechstunde habe, muss man sich diese wie die typische Sprechstunde eines Internisten vorstellen: Manchmal geht es darum, eine Hautläsion zu diagnostizieren und zu entfernen, ein anderes Mal ist es die Abklärung einer Hämaturie, wiederum ein anderes Mal  kommen Notfälle durch die Praxistür in Form von, wie vor kurzem, akutem Herzversagen, was dann eine Noteinweisung nach initialer Diagnostik erfordert.

Jeden einzelnen Patientenfall bespreche ich dabei mit einem der Oberärzte vor Ort, der oft den Patienten gemeinsam mit mir ein zweites Mal visitiert. Dadurch sollen Fehler vermieden werden und ich die Möglichkeit haben, Internistisches zu lernen. Ich bin ja noch in der Weiterbildung.

Diese Praxis hat logistische Nachteile, was dadurch wettgemacht wird, dass sie für arme Patienten günstig, unter Umständen kostenfrei ist; deshalb versorge ich überdurchschnittlich viele Nichtversicherte, illegale Einwanderer, Flüchtlinge und arme oder alte US-Amerikaner, die vor Ort wohnen und sich eine weite Anfahrt zu einer „richtigen“ Praxis nicht leisten können oder physisch zumuten wollen.

Die meisten Kollegen tun sich anfänglich schwer mit dieser ambulanten Medizin. Es ist gewöhnungsbedürftig für uns auf Krankenhausmedizin geschulte Ärzte. Doch allmählich gewöhnt man sich hieran und viele beginnen gar, gerne ambulant tätig zu sein.

Meine Assistentenkollegen sind dafür ein gutes Beispiel: Anfänglich konnten sich nur 10 Prozent vorstellen, am Ende ihrer Ausbildung ambulant tätig zu sein; nun aber, knapp ein halbes Jahr vor Ende der Ausbildung sind es fast 50 Prozent, die ambulant tätig sein wollen. Das Weiterbildungssystem hat es uns schmackhaft gemacht und uns ausreichend hierauf vorbereitet. So ein Modell würde ich mir auch für Deutschland wünschen.