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Zweiklassenmedizin in USA – das V.A. System

Donnerstag, 13. Oktober 2011
Zweiklassenmedizin in USA – das V.A. System

US-Amerikaner, die im Militärdienst tätig gewesen sind, haben nach einer bestimmten Dienstzeit Anspruch auf Leistungen aus dem staatlichen V.A. (Veteran Affairs)System, inklusive des V.A.- Krankenversicherungssystems. Details dazu findet man unter www.va.gov.

Das V.A.-Krankversicherungssystem ist umfangreich und besitzt sein eigenes US-weites Netzwerk an Praxen, V.A.-Krankenhäusern, Ärzten und besitzt selbst sein eigenes EDV-System. Obwohl die große Mehrzahl der Krankenhäuser in den USA Nicht-V.A.-Krankenhäuser sind, findet man grundsätzlich in jeder großen US-Stadt auch ein V.A.-Krankenhaus.

Das V.A.-Krankenversicherungssystem bietet eine robuste Basisversorgung der Patienten an und therapeutisch werden die meisten Krankheiten ähnlich wie in Nicht-V.A.-Krankenhäusern behandelt. Der große Unterschied ist vielmehr organisatorischer Art: Die Patienten liegen in Mehrpatientenzimmern, meist zu viert, manchmal auch zu mehr, die Krankenhäuser wirken oft als wären sie baulich veraltet oder gar renovierungsbedürftig, die V.A.-Patienten müssen längere Wartezeiten für ihre Operationen und Arzttermine in Kauf nehmen; manchmal finden sich jedoch auch medizinische Unterschiede, und es werden beispielsweise teure oder neue Medikamente nicht eingesetzt, weil der Nutzen noch nicht erwiesen ist oder die Kosten zu groß sind.

Selbst banale Dinge wie ein spartanisches Zimmermobiliar oder einfache Essensmahlzeiten sind im Verhältnis zu Nicht-V.A.-Krankenhäusern deutlich häufiger anzutreffen. Es wird auch gemunkelt, dass die V.A.-Ärzte und -Krankenschwestern unhöflicher seien.

Wenn man diese Modelle zwischen V.A.-Medizin und Nicht-V.A.-Medizin vergleicht, scheint die medizinische Versorgung in etwa gleich oder nur geringgradig schlechter zuungunsten des V.A.-Medizinsystems zu sein, das Drumherum aber, das Ambiente, deutlich schlechter im V.A.-System.

Für einen Deutschen klingt es wie der Unterschied zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherungsatmosphäre in einem deutschen Krankenhaus.

Es stellt sich dann die Frage: Wieso ist das staatliche Gesundheitssystem spartanischer? Die einfache Antwort: Der Staat will und kann sich ein Hotelniveau nicht leisten.

Hieran knüpft sich dann die zweite Frage an: Wenn man sich als Einzelner einen hohen Grad an Komfort wünscht und leisten könnte, wieso fordert man es nicht? Wieso sollte man lieber dem Staat sein erworbenes Geld für ein Krankenversicherungssystem geben, nur um dann ein V.A.-Niveau zu erhalten? Wieso dann nicht einer Privatversicherung geben, um Hotelkomfort zu erreichen? Wenn der Preis derselbe oder gar besser ist?

Und plötzlich fängt man an, wie ein amerikanischer Republikaner zu denken.

gammon am Sonntag, 23. Oktober 2011, 20:58
VHA ß Veterans Health Administration
Das VA system wurde 1930 gegründet ( mit Ursprüngen 1778), also lange bevor die USA eine Berufsarmee hatte.
Trotzdem hat de Vorposter nicht unrecht, da leider für viele das Militär eine der wenigen Optionen einer Beschäftigung (und manchmal auch Ausbildung) ist. Und diese garantiert dann nach einiger Zeit eine lebenslange Krankenversicherung, die ihnen ansonsten oft verschlossen bliebe. Aus deutscher Sicht eigentlich traurig, aber so isset halt.

Es gibt durchaus höhere Ränge, die sich an den VA Krankenhäusern behandeln lassen, da es durchaus exzellente Versorgung gibt. Wie viele das sind, weiß ich nicht.
Es gibt Vorzeigekliniken aber auch ganz heftige Häuser, was übrigens nach meiner Erfahrung das gesamte US System widerspiegelt - es gibt Koryphäen aber leider auch ziemlich Schussel, die man so vor sich hinwurschteln läßt, solange sie nicht ganze Friedhöfe füllen. Selbst an Häusern mit großen Namen...
Leider ist die Anzahl der Veteranen an den Homeless überdurchschnittlich groß, was wahrscheinlich mit der heutigen Herkunft der Soldaten zu tun hat (und nicht mit dem VA).
Ich kenne einige, denen das Militär den Kopf zurechtgerückt hat und u.a. aufgrund der erlernten Fähigkeiten letzlich zu einer Karriere außerhalb des Militärs verholfen hat. Aber ich bewege mich weniger in Kreisen derer, die nicht so glücklich sind, habe also einen Bias.
Das VA System hat riesige Datenbanken, aus denen oft recht solide epidemiologische Studien stammen, insbesondere in der Inneren Medizin. Außerdem werden schon Kosten und Nutzen berechnet und aufgrund des zentralen Einkaufs gibt es große Preisabschläge und unsinnige Medikamente sind, wie schon beschrieben, nicht im Programm.

Das EDV System ist eines der Besten mit denen ich jemals gearbeitet habe (mein Stand von 2005): alle Akten, Untersuchungen, Bilder, EKG aus allen VAs, in den der Patient war, sind einfach zu finden, alle Anordnungen kann man dort eingeben (Labor, Tests, Konsile, Sozialarbeiter...), das Programm ist sehr stabil (unter Windows) und hat wenig überflüssigen optischen/resourcenhungrigen Schnickschnack. Alles aus einem Guß und nicht zusammengestückelt. Falls es das zu kaufen gäbe: unbedingt ausprobieren!

Obiges ist weder ein Loblied auf die VAs noch auf das Militär. Ich habe u.a. an einem VA eine gute Ausbildung genossen, Einblicke in eine andere USA erhalten und froh, nicht dort Patienten sein zu müssen. Aber einige Dinge machen die schon richtig/besser an den VAs.
Patroklos am Montag, 17. Oktober 2011, 11:10
Vermischung.
Die Vermischung vom geplanten staatlichem KV- System mit dem V.A.- System für Militärangehörige wird hier tendenziös vorgenommen.
Aus meiner Sicht soll das beabsichtigte staatliche KV- System viele Amerikaner erst in die Lage versetzen, einer Krankenversicherung anzugehören und im Krankheitsfall überhaupt Anspuch(nicht Almosen) auf medizinische Leistungen zu haben. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Andreas Skrziepietz am Donnerstag, 13. Oktober 2011, 21:45
Passt doch
Die US-Armee ist bekanntlich eine Berufsarmee, die sich aus der Unterschicht rekrutiert (ich gehe davon aus, daß Offiziere sich nicht in VA-Kliniken behandeln lassen). Zum Dank dafür, daß sie für Bankrotteure &Spekulanten die Kastanien aus dem Feuer holen (und gelegentlich darin verbrennen), bekommt das Fußvolk, was es verdient. So sieht Demokratie made in USA aus...