aerzteblatt.de

Prima (-vista) Ringfingerdiagnose

Dienstag, 6. September 2011
Prima (-vista) Ringfingerdiagnose

Die Hände und Finger verraten dem Arzt oft auf den ersten Blick (prima vista) viel über die Gesundheit. Eine große Hand kann eine Akromegalie andeuten, die Schwanenhalsdeformität ist untrügliches Zeichen einer chronischen Polyarthritis, Trommelschlägelfinger treten als Reaktion auf einen chronischen Sauerstoffmangel im Gewebe auf, ein Palmarerythem deutet auf eine Leberzirrhose hin.

Doch das Publikum interessiert sich natürlich eher für die intimeren Fragen. Wie steht es um die sexuelle Orientierung? Ist der Mann zeugungsfähig? Neigt er zur Aggressivität oder überwiegen die musikalischen Neigungen?

Zu alle diesen Fragen wurden Studien durchgeführt, die der „Digit ratio“ eine Bedeutung zuschreiben: Gemeint ist das Quotient aus der Länge von Ringfinger und Zeigefinger (Ratio meint Verhältnis und nicht etwa Vernunft). Es gibt sogar Studien, nach denen ein langer Ringfinger Männer attraktiver und beispielsweise im Börsengeschäft erfolgreicher machen soll (was unter den Bedingungen der aktuellen Krise noch zu verifizieren wäre).

Das kann natürlich nur an einem Übermaß an Testosteron liegen (und nicht etwa an der zu häufigen Verwendung des Zeigefingers zur Reinigung der Nase). Martin Cohn und Zhengui Zheng von der Universität Florida in Gainesville liefern jetzt gewissermaßen den experimentellen Beweis.

Sie exponierten Mäuse während der Embryonalphase mit Testosteron und Östrogen und konnten dadurch die Länge des Ringfingers in eine „männliche“ und „weibliche“ Richtung lenken. Die Blockade der Rezeptoren hatte jeweils die gegenteilige Wirkung. Jetzt sind ernsthaft Studien zum Einfluss der „Digit ratio“ auf Verhalten, Immunsystem sowie auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs geplant.

Das Medienecho dürfte den Forschern helfen, dafür die nötigen Forschungsgelder zu erhalten. Dass die Bestimmung der Fingerlänge bald zur medizinischen Untersuchung gehören wird, ist eher unwahrscheinlich. Es gibt aber wie erwähnt andere Gründe, den Patienten auf die Finger zu schauen.