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PiPs: Prognose von Krebspatienten bald am Smartphone?

Freitag, 26. August 2011
PiPs: Prognose von Krebspatienten bald am Smartphone?

Der Fall des Lockerbie-Attentäters Abdelbaset Ali al-Megrahi hat gezeigt, dass von den drei essentiellen klinischen Fähigkeiten Diagnose, Therapie und Prognose die letztere die schwierigste ist. Al-Megrahi wurde im August 2009 aus der Haft entlassen, weil er im terminalen Stadium eines Prostatakarzinoms erkrankt war.

Die Ärzte „gaben“ ihm, wie es so unschön heißt, nur noch wenige Monate (vielleicht in den letzten Wochen nicht mehr so sorgenfrei). Doch al-Megrahi soll auch heute noch in einer Villa in Tripolis leben. Zwei Scores, die die Gruppe um Paddy Stone vom St. George's Hospital der Universität London entwickelt hat, sollen künftig helfen die Prognose der Lebenserwartung von Krebspatienten im Endstadium zu verbessern.

Grundlage der „Prognosis in Palliative care Study“ (PiPs) waren die Daten von 1.018 Krebspatienten, die an 18 britischen Palliativkliniken behandelt wurden, also keine aktive Krebstherapie mehr erhielten. Der erste PiPs-A-Score beruht allein auf klinischen Angaben.

Dazu gehörten mentaler Status, Herzfrequenz, Fernmetastasen (vor allem Leber und Knochen), der Score der Eastern Co-operative Oncology Group (ECOG), Appetitverlust, Atem- oder Schluckstörung und Gewichtsverlust. Auch die Besonderheiten von Mammakarzinom und Prostatakarzinom wurden berücksichtigt. Ansonsten spielte die Art der Krebsdiagnose aber keine Rolle.

In einer prospektiven Studie verglichen Stone und Mitarbeiter die Treffsicherheit mit den Vorhersagen von Arzt und Pflegepersonal zu der Frage, ob die Patienten noch Tage, Wochen oder Monate zu leben haben. PiPs-A lag in 59,6 Prozent der Fälle richtig, Arzt und Pflegepersonal in 57,5 Prozent, kein besonderer Vorteil also. Auch wenn Stone die Aussagen von Ärzten und Pflegepersonal als oft zu optimistisch beschreibt, lagen sie doch mit ihrer Intuition fast ebenso oft richtig wie PiPs-A.

Doch Stone und Mitarbeiter haben noch einen zweiten Score entwickelt. PiPs-B berücksichtigt auch die Ergebnisse von Blutbild und einigen biochemischen Blutwerten. Dies verbesserte die Treffsicherheit auf 61,5 Prozent. Doch die Unterschiede zum klinischen Personal waren, wenn das Urteil von Ärzten und Pflegepersonal zusammengefasst wurde (Trefferquote 53,7 Prozent), immer noch nicht signifikant besser.

Ob die Studie tatsächlich zu sinnvollen Instrumenten führt, darf bezweifelt werden. Laut dem Editorialisten Paul Glare vom Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York ist sogar ein „App“ für Smartphons in der Entwicklung. Das Interesse dürfte vor allem bei jüngeren Ärzten groß sein. Ältere Kollegen haben im Verlauf ihrer Tätigkeit häufig erfahren, dass es weise ist, sich bei Angaben zur Prognose zurückzuhalten.