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Minnesota shut-down day

Donnerstag, 28. Juli 2011
Minnesota shut-down day

Ich schalte das Radio ein, und es schallt mir Altbekanntes entgegen: „Herzlich Willkommen zum 13. Tag des minnesotastaatlichen Schließens“ oder wie auch immer man Minnesota shut-down day 13 übersetzen will. Die gleiche Nachricht, die mir tagtäglich seit eben 13 Tagen begegnet.

Wer es noch nicht erfahren hat, der erfährt spätestens jetzt im Radioprogramm, dass sich die beiden US-Parteien Republikaner und Demokraten nicht auf einen Haushalt in meinem Wohnbundesstaat haben einigen können und daher Minnesota – zum zweiten Mal in seiner Geschichte – einfach geschlossen und auf seine Notfunktionen reduziert haben.

Geht so etwas? Jawohl! 22.000 bundesstaatliche Mitarbeiter wurden zum 1.7.2011 einfach fristlos entlassen, Zoos, Parks und Regierungsstellen einfach und trotz des Nationalfeiertages 4.7. geschlossen und diverse Bauprojekte auf Eis gelegt. Man bekommt keine Fischlizenzen mehr, die Bewilligung von staatlichen Sozialhilfen ist auf Notfunktionen reduziert und selbst einige Kneipen sollen kurz vor dem Schließen begriffen sein, weil es Ausschanklizenzprobleme und sogar Brauereilizenzprobleme gibt.

Während ich all diese Radionachrichten zum wiederholten Male höre, fahre ich zur Endokrinologiepraxis, in der ich derzeit arbeite, und denke bei mir: „Ich merke kaum etwas von diesem Schließen. Ehrlich gesagt merke ich kaum etwas vom Regierungsapparat und seiner Funktion“.

Meine Gedanken kreisen: Natürlich bin ich auch irgendwie betroffen und erfahre von meiner Frau, dass nicht alle Büchereien offen sind, erfahre, dass mein Sohn, der in eine staatliche Kindertagesstätte geht, ab dem 29.7.2011 nicht mehr hingehen können wird, weil sie dann geschlossen ist.

Doch betrifft mich das wirklich? Fuhr meine Frau nicht einfach zu einer anderen Bücherei? Stecken wir unseren Sohn nicht einfach in eine andere Kita, eine, die uns mit Kusshand nehmen wird, weil wir/ich sowieso 100% der Kitagebühr selber zahlen und damit einspringen für diejenigen Eltern, die zwischen 20 und 100% der Kitagebühr vom Staat erhalten und damit nun nicht mehr ihr Kind in die Kita stecken können?

Ich bin also de facto nur minimal von dieser „Regierungskrise“ betroffen. Dafür, dass der Bundesstaat geschlossen ist, merke ich wirklich nur sehr wenig davon. Denn weiterhin kann ich arbeiten gehen, die Straßen funktionieren, die Krankenhäuser arbeiten weiter, die Polizei fährt weiterhin Streife durch unseren kriminologisch etwas heißeren Stadtteil, die Stadt schreibt weiterhin ihre Wasserrechnungen an mich und lässt mich sie bezahlen usf.

Da dämmert es mir, kurz vor Ankunft in der Praxis, mir als staatstreuen und –gläubigen Deutschen: Manchmal ist der Staat eben doch nicht so wichtig, wie ich es stets dachte und denke. Das Leben kann weitergehen, selbst wenn der Staat seine Funktionen in nur noch geringem Maße wahrnehmen kann.

Plötzlich bin ich dankbar, dass die Republikaner und Demokraten noch keine Einigung gefunden haben und hoffe sogar ein wenig, dass Präsident Obama sich nicht mit den Republikanern verständigen wird. Es ist ein Experiment. Vielleicht brauchen wir den Staat wirklich nicht so viel wie ich es immer dachte. Wir Mediziner sind als evidenzbasierte Wissenschaftler ja damit vertraut, Althergebrachtes und sogenannte Weisheiten einer steten Revidierung auszusetzen, oder?

Ihr Petrulus

KuhnJ am Montag, 1. August 2011, 08:01
Größenwahnsinnig!
Herr Petrulus fragt: „Kann der Staat klüger Geld handhaben als der Einzelne im Sinne der Allgemeinheit?“ Über diese Frage darf man gerne einmal 5 Minuten nachdenken. Kann ein Herr Petrulus wirklich die Mittel für die auch von ihm für nötig gehaltene Polizei klüger ausgeben als der Staat (wie viel Personal wird gebraucht, wie viele Fahrzeuge, wie viele Computer, …), oder die Investitionen in den Straßenbau klüger verteilen, oder die für die Wasserversorgung? Wer darauf mit ja antwortet, leidet der nicht an Größenwahn? Die klassische liberale Fragestellung lautet denn auch: Kann der Staat meine je individuellen Bedürfnisse besser kennen als ich selbst? Das kann er nicht. Aber wer allein daraus die Gesellschaft aufbauen will, landet bei dem zitierten Motto „wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht“. Diese Rechnung geht ersichtlich nicht auf. Warum das so ist, kann, wer will, in dem schon 60 Jahre alten Buch von Kenneth Arrow „Social Choice and Individual Values“ und vielen anderen Büchern nachlesen. Die „unsichtbare Hand“ ist unsichtbar, weil es sie nicht gibt.
Dass die Loyalitäten der Polizisten vom Gehaltsniveau abhängen: Wer hat das gesagt? Das tun sie offenkundig nicht, sonst würden die Polizisten mit ihrem niedrigen Gehalt ihre Loyalitäten woanders suchen. Aber vermutlich ist es für sie wichtig, dass es in der Gesellschaft gerecht zugeht, dass der Staat, dem ihre Loyalität gilt, auch ihr Staat ist und nicht nur der Staat junger Besserverdiener oder der ganz Reichen.
Arbeit in der Armenpraxis: Anerkennenswert, aber warum ist das in Amerika überhaupt nötig? Warum muss in Amerika Mildtätigkeit soziale Gerechtigkeit ersetzen?
petrulus am Sonntag, 31. Juli 2011, 11:28
Groessenwahnsinnig oder realistisch?
Wieviel Staat braucht der Mensch? Kann der Staat klueger mit Geld handhaben als der Einzelne im Sinne der Allgemeinheit? Wieviel Selbstverschulden hat man bei persoenlichem Misserfolg und Erfolg? Das sind uramerikanische Fragen, die im obigen Text und Kommentaren auch angesprochen werden.
Lieber Henry I - zum Glueck bin ich nicht ganz alleine mit meiner Meinung. Doch die meisten von uns scheinen sich schon entschieden zu haben, ob sie eher fuer oder gegen Sozialstaat sind. Lieber Daniel Sanford: Ganz Mafiaboss bin ich nicht. Mir fehlt neben Skrupel auch noch die Statur dafuer. Aber es stimmt, wie sie bin ich nicht ganz staatsabhaengig. Aber ganz ohne Staat kann ich auch nicht auskommen, da hat KuhnJ recht. Aber eine interessante Frage, ob die Loyalitaet der Staatsangestellten vom Gehaltsniveau abhaengt oder was der eigentliche Grund ist, dass sie den Staat als Arbeitgeber waehlten. Ich bin immer offen fuer Evidenz, die meine Meinung widerlegt (oder bestaetigt). Lieber Sozius, es besteht gesetzlicher Zwang, Patienten mit und ohne Krankenversicherung im Akutfall zu behandeln. Als Arzt bin ich zum Glueck von finanziellen Versicherungsfragen nicht direkt betroffen und wuerde als bald freiarbeitender Arzt Patienten mit und ohne Krankenversicherung behandeln. Ich arbeite auch knapp einmal im Monat ehrenamtlich in einer Armenpraxis (wie sehr viele andere auch).
KuhnJ am Samstag, 30. Juli 2011, 14:58
Libertärer Größenwahn
Der Beitrag von "Petrulus" ist ein schönes Dokument für radikallibertäres Denken nach dem Motto, wenn jeder für sich selber sorgt, ist für alle gesorgt, zu deutsch: was geht mich mein Mitmensch an. Der Staatbankrott ist ihm egal, solange er nur Kitas und Bibliotheken trifft und nicht den Straßenbau, die Polizei oder die Wasserversorgung, auf die auch der Besserverdiener Petrulus angewiesen ist. Aber warum sollten die Straßenarbeiter, die Polizisten oder die Wasserwerker einen solchen Staat eigentlich noch als den ihren ansehen? Und wer weiß, ob es nicht noch Reichere gibt, die nicht einmal den Staat des Herrn Petrulus brauchen, haben die dann nicht genauso recht wie Herr Petrulus? Vielleicht, Herr Petrulus, sollten Sie ihre ideologischen Prägungen und sogennanten Weisheiten in der Tat einmal evidenzbasiert einer Revidierung aussetzen.
Henry I am Samstag, 30. Juli 2011, 00:09
Super Beitrag!
Herzlichen Dank dafür.
Vielleicht öffnet Ihr Beitrag ja so manchem staatsfrommen Bürger die Augen dafür, dass in vielen Bereichen weniger Staat besser sein kann als mehr.
Und dass sich viele Bürger ohne künstliche Verteuerung durch immer mehr neu erfundene Steuern vielleicht sogar aus eigener Kraft ernähren könnten ohne auf "Staatsknete" angewiesen zu sein, die ja immer nur aus dem vorher geraubten Steuerzins stammt.
Oder bin ich da zu optimistisch?
Sozius am Freitag, 29. Juli 2011, 10:20
Wer sichs's leisten kann II
Ja, verehrter Petrulus, Sie sind glücklicherweise vom fehlenden Staat nicht betroffen. Glücklicherweise können Sie aufgrund Ihrer Kaufkraft eine andere Kindertagesstätte für Ihren Spross finden. Was ist aber mit Landsleuten, die nicht so viel Geld haben, weil Sie keine keine Ausbildung haben, weil Sie gerade keinen Job haben, weil sie krank sind, weil sie weniger leistungsfähig sind, soll sich diese Mankos auf ihre Kinder übertragen? Dazu brauchen wir ihre, die der Leistungsfähigeren, Hilfe. Der Staat führt in der Demokratie nur aus, was das Parlament beschlossen hat, z.B. dass es für den gesellschaftlichen Zusammenhalt besser ist, Kindern, deren Eltern dazu nicht in der Lage sind, soziale Teilhabe und Bildung zu ermöglichen.

Aus deutscher Sicht ist es schon etwas bizarr, wenn amerikanische Politiker und wohlhabende Bürger sich vor sozialem Engagement des Staates fürchten. Was machen Sie eigentlich mit einem Patienten, der keine Krankenversicherung und keinen Anspruch auf Medicaid und Medicare hat?

Viele Grüße von Sozius, einem Besserverdiener aus Deutschland.

Sanford am Freitag, 29. Juli 2011, 07:25
Wer sich's leisten kann...
Es ist wohl so, dass die wohlhabenderen ohne den Staat ganz gut auskommen können. Paradebeispiel seien etwa Mafiabosse, die ihre eigene Leibgarde und noch andere Dienste bezahlen können. Der Staat sorgt sich aber in erster Linie für die, die nicht aus eigener Kraft alles bewältigen können. und bei einem "shutdown" gucken die in die Röhre und müssen erhebliche Einbußen hinnehmen.
Daniel Sanford, Allgemeinmediziner