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Die sieben Lebenssünden der Alzheimererkrankung

Dienstag, 19. Juli 2011
Die sieben Lebenssünden der Alzheimererkrankung Weltweit sollen mehr als 30 Millionen Menschen an „Alzheimer“ leiden und infolge der steigenden Lebenserwartung werden es ständig mehr. Unter Alzheimer werden dabei der Einfachheit halber alle Demenzerkrankungen im Alter zusammengefasst. Nicht alle sind die Folge einer primären Hirnerkrankung mit Ablagerung von Amyloiden und der Ausbildung von Plaques und Fibrillen.

In vielen Fällen wird die Demenz durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt, die über eine zerebrale Atherosklerose und über die Akkumulation von stummen Hirninfarkten Gedächtnis und kognitive Fähigkeiten zerstören.

Prospektive Beobachtungsstudien haben eine Reihe von modifizierbaren Risikofaktoren für die (vaskulären) Demenzen aufgedeckt. Die Psychiaterin Deborah Barnes und die Epidemiologin Kristine Yaffe von der Universität von Kalifornien in San Francisco haben für sieben dieser Risikofaktoren die bevölkerungsbezogenen attributiven Risiken (PAR) berechnet.

Die PAR geben den Anteil der Erkrankungen an, der auf die einzelnen Risikofaktoren entfällt. Zu den sieben Risikofaktoren gehören neben biologisch plausiblen Faktoren wie Rauchen, Diabetes und erhöhte Blutdruckwerte auch die Marker Übergewicht und Bewegungsmangel, die stellvertretend für andere Faktoren stehen.

Denn die Fettmasse am Bauch wird sicherlich nicht das Gehirn belasten und die sitzende Tätigkeit wird nicht das Gehirn verlangsamen. Auch Depressionen und eine geringere Ausbildung, die letzten beiden Faktoren, dürften an sich keinen Einfluss auf die Hirnfunktion haben. Es ist kaum vorstellbar, dass traurige Gedanken die Neuronen zerstören oder Schulbildung ihre Widerstandskraft gegen degenerative Erkrankungen steigert. 

Dennoch ist es zweifellos so, dass diese sieben Risikofaktoren in den Beobachtungsstudien mit der Zahl der Erkrankungen in einem erheblichen Ausmaß assoziiert sind. Laut Barnes und Yaffe erklären sie zusammen mehr als die Hälfte aller Demenzerkrankungen im Alter.

Weltweit beträgt der PAR 51 Prozent, in den USA sind es sogar 54 Prozent. Bereits die Reduktion der Risikofaktoren um 10 bis 25 Prozent würde, so die Autorinnen, die Zahl der Demenzerkrankungen um bis zu 3 Millionen senken.

Den größten Anteil hätte dabei die Behebung des Bildungsmangels: Weil global gesehen der Anteil der Menschen ohne Ausbildung hoch ist, entfallen 19 Prozent aller Demenzerkrankungen darauf.

Für das Rauchen (weltweit ebenfalls eine verbreitete Gewohnheit oder Sucht) errechnen Barnes und Yaffe einen Anteil von 14 Prozent, auf den Bewegungsmangel entfallen 13 Prozent. Das bedeutet, dass zwei der drei wichtigsten Faktoren keinen direkten biologischen Kausalbezug zu einer Demenzerkrankung haben, und die Erwartung, dass die Förderung von Bildung und Sport zu einem Rückgang der Alzheimererkrankung führen, ist eine sehr gewagte Hypothese, wie Barnes und Yaffe selbst einräumen.