aerzteblatt.de

Zungen-Piercing steuert Rollstuhl

Donnerstag, 9. Juni 2011
Zungen-Piercing steuert Rollstuhl

Normalerweise bringen Mediziner Piercings eher mit Infektionsrisiken in Verbindung. Zahnärzte warnen beim Zungen-Piercing vor Schäden an der Gingiva. Am Georgia Institute of Technology ist der Körperschmuck dagegen Bestandteil der Therapie.

Die dortigen Ingenieure haben eine Fernsteuerung für Rollstuhlfahrer entwickelt, deren zentraler Bestandteil ein kleiner Magnet ist, der an einem Zungen-Piercing befestigt ist. Die Zunge verfügt nicht nur über eine außerordentliche Beweglichkeit, erklärt Maysam Ghovanloo, dessen Team das Tongue Drive System ausgetüftelt hat. Für einige Menschen mit Querschnittslähmung sei es eine der letzten Muskeln, die der willkürlichen Kontrolle unterliegen.

Bereits früher wurde versucht, Mund oder Zunge zur Steuerung von Hilfsgeräten zu nutzen. Die Geräte sind oft kompliziert und wegen des Speichelflusses nicht immer angenehm anzusehen für die Mitmenschen. Das Tongue Drive System der US-Ingenieure arbeitet dagegen berührungsfrei.

Ein Headset mit Sensoren in der Höhe der Unterkiefer fängt die Bewegungen des Magneten auf, die dann in Steuerbefehle umgesetzt werden. Das Gerät ist inzwischen so weit entwickelt, das es bereits in der zweiten klinischen Studie an zwei Reha-Zentren erprobt wird.

Am Shepherd Center in Atlanta und am Rehabilitation Institute of Chicago sollen 70 Quadriplegiker mit dem Tongue Drive System versorgt werden. Im ersten Schritt setzen die Patienten das Piercing als Joystick ein, um einen Cursor auf dem Computermonitor zu bewegen. Danach lernen sie ihren elektrischen Rollstuhl zu lenken. Die Studie soll Ende 2011 abgeschlossen sein. Danach hoffen die Forscher auf die Zulassung. Für einige Patienten gibt es das Piercing dann auf Rezept.