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Ohne Antworten: Deutschland und der Rest der Welt

Dienstag, 14. Juni 2011
Ohne Antworten: Deutschland und der Rest der Welt

Ich hatte ja schon einmal erwähnt, dass mir die Frage nach „dem besten Gesundheitssystem der Welt“ aufgrund meiner Auslandsrecherchen recht häufig gestellt wird. Natürlich beschäftigen sich auch andere an Gesundheitssystemen Interessierte mit dieser Frage – und genau deshalb zog es mich zu einem der wenigen Symposien auf dem diesjährigen Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit, die sich mit Auslandsthemen beschäftigten.

„Gibt es ein besseres Gesundheitssystem als das deutsche?“, lautete der Titel der Veranstaltung. Antworten darauf sollten der ehemalige Leiter der Abteilung Gesundheitsversorgung im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium und Krankenversicherungsexperte Franz Knieps, Frank Ulrich Montgomery, jetzt Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Jürgen Wasem vom Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen, und Günter Neubauer, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik an der Universität der Bundeswehr in München geben. Ein Aufgebot an Namen, von denen ich mir einiges erhoffte, zumal die Veranstaltung zwei Stunden dauerte.

Nun, eigentlich war schon nach dem Vortrag von Knieps klar, dass nichts klar ist. „Wenn die Antwort mal so einfach wäre“, begann der heutige Partner der Beratungsfirma Wieseconsult seinen Vortrag. Es folgte eine Aufzählung von Studien, angefangen beim Weltgesundheitsreport der WHO aus dem Jahr 2000, über die Studien der OECD bis hin zu Studien des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung unter Leitung von Fritz Beske.

Aber all diese Studien könne man einfach nicht vergleichen, schließlich seien Methoden und ausgewählte Indikatoren zur Messung des Outputs von Gesundheitssystemen zu unterschiedlich. Und dann gebe es da ja noch Vergleiche aus Patientensicht, beispielsweise von der Bertelsmann-Stiftung publiziert. Bei all diesen Studien liege Deutschland mal auf einem schlechten 25. Platz, mal auf einem guten 3. Platz. Objektivität, so Knieps, falle also schwer.

Meine Hoffnung auf eine klare Antwort erfüllte sich auch nicht mit dem Vortrag von Neubauer. Patienten, so der Ökonom, seien ambivalent, im Ausland mögen sie das deutsche Gesundheitssystem, im Land selbst übten sie nichts als Kritik. Er selbst gab sich weniger ambivalent: „Ein Land, in dem alle vier Jahre neue Reformen anstehen, kann nicht das Beste sein.“ Außerdem seien wir zu selbstzufrieden. War das nun eine Absage an das deutsche Gesundheitswesen?

Bei Montgomery und Wasem ging die Bewertungskurve dann zunächst wieder hoch… Die Ausgaben für Gesundheit gemessen am BIP seien in den letzten 20 Jahren vergleichsweise gut in Schach gehalten worden. Der zweite Gesundheitsmarkt – also die Ausgaben, die für Leistungen außerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung getätigt wurden – seien nicht explodiert.

Aber dann sank sie wieder… denn, so Wasem, der Gesundheitsfonds sei natürlich reformbedürftig, denn er biete keinen verlässlichen Finanzrahmen für die Krankenkassen. Und auch auf der Versorgerseite müsse die Rolle zwischen Korporatismus und Wettbewerb endlich einmal klar definiert sein. Und nicht zuletzt sei die Freiwilligkeit in der GKV auch zu kritisieren, denn sie verhindere die Orientierung aller an Solidarität. Überwog nun doch die Kritik?

Interessanterweise war es Ökonom Neubauer, der mit einem Zitat des verstorbenen Unternehmers Philipp Rosenthal immerhin eine Aussage traf, die der Frage nach gut, am besten oder schlecht dann doch noch gerecht wurde: „Wer aufhört, besser sein zu wollen, hört auf, gut zu sein“.