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Not amused: Verwirrende US-Doppelmoral

Mittwoch, 25. Mai 2011
Not amused: Verwirrende US-Doppelmoral

Wenn es um Freizügigkeit jeglicher Art geht, tritt in den USA eine – na sagen wir einmal – interessante Form der Doppelmoral zu Tage: auf der einen Seite ist oben-ohne an Stränden Tabu, in die Sauna geht man wenn überhaupt nur mit Badeanzug, die heimischen Vorhänge werden ganz schnell zugezogen, sollte sich in der Wohnung jemand befinden, der nicht von Kopf bis Fuß bekleidet ist und die Kirche ist ein von vielen bevorzugter Ort der Buße.  

Auf der anderen Seite verfügen die US-Amerikaner über die weltweit größte Pornoindustrie, private „Sünden“ führen zu einer der höchsten Scheidungsraten der Welt und leicht bekleidete Talkmaster scheuen sich nicht, mit ihren Gästen über verschiedene „personal massage devices“ zu diskutieren. Jüngstes Beispiel: Vibratoren. 

Ich traute meinen Augen kaum als ich die New York Times aufblätterte und einen zweiseitigen Artikel mit der Überschrift „Vibrators Carry the Conversation“ erspähte. In kompletter Detailverliebtheit schildert darin die Autorin den Einzug besagter Massageinstrumente in die Regale US-amerikanischer Supermärkte und Drogerieketten.

Wo gestern noch völlig einsam und verlassen Sportcremes wie Ben Gay oder Fußsalben wie Dr. Scholl’s lagen, türmen sich – in der Tat – heute Produkte mit den interessanten Namen „a:muse – personal pleasure massager“, „Tri-Phoria“ oder „Alure“. 

Dem Center for Sexual Health Promotion an der Indiana University zufolge benutzten bereits 2008 mehr als die Hälfte aller US-Amerikanerinnen Vibratoren. Nach Angaben des leitenden Markenmanagers der Firma Durex (dem Hersteller von Alure) hat die Nachfrage in den letzten sechs Monaten noch einmal angezogen. „Consumers are definitely not shy about this kind of purchase in the retail enviroment“, sagt Alan Cheung gegenüber der NYT. 

Es scheint also als seien zumindest gewisse Personen in den USA dabei, die viel beschriebene Freiheit in den Staaten weiter auszubauen. Der neueste Coup: Eine ehemalige Managerin bei Apple, Suki Dunham, entwarf eine Vibratoren-Linie mit dem sensationellen Namen: OhMiBod, ein Produkt, das sich rhythmisch mit iPods, iPads, iPhones und anderen Smartphones synchronisiert. Immerhin, sie stieß bei dem Versuch, das Produkt zu vermarkten, auf einigen Wiederstand. 

Und was entgegnete Dunham darauf? Sie erwähnte genau die Doppelmoral, die Amerika so interessant macht. „I can sit with my 10-year-old daughter during prime-time TV and watch a commercial for Viagra, but I can’t advertise our OhMiBod fan page within Facebook“.

Andreas Skrziepietz am Sonntag, 5. Juni 2011, 13:16
Doppelmoral
Ein wichtiger Aspekt der Doppelmoral betrifft den ehemaligen CIA-Angestellten Bin Laden und seine Mitarbeiter, seinerzeit "Freiheitskämpfer" genannt. Karl-Eduard v. Schnitzler bewies im DDR-Fernsehen prophetischen Weitblick, als er diese Leute bereits in den 80er Jahren so nannte, wie die US-Regierung heute: "Terroristen".
Interessant ist natürlich auch die Frage, warum Folter im Iran Folter heißt, während sie im KZ Guantanamo "enhanced interrogation" genannt wird.
mertenma am Donnerstag, 26. Mai 2011, 10:20
Vielfalt überall
Nun, lieber Kommentator, glauben Sie mir, ich habe an Vielfalt in vielen Ländern und an vielen Orten dieser Welt schon einiges gesehen...und natürlich überraschen viele Dinge in dieser seltsamen Welt nicht mehr so wie sie es vor vielen Jahren noch getan hätten.

Dennoch möchte ich diese wie Sie es nennen "liebevolle Naivität" bewahren und mich bei all meinen Recherchen in anderen Ländern noch über Dinge wundern können, die einst wirklich verwunderlich waren. Auch in Ländern wie den USA.

Viele Grüße, Ihr Schreiber
manfred_stapff am Mittwoch, 25. Mai 2011, 19:48
Erstaunt ueber die Anerikanische Vielfalt?
Der liebe naive Blogschreiber ist wohl ein wenig ueberrascht was es alles gibt in den USA. Das hat nichts mit "Doppelmoral" zu tun sondern mit der unglaublichen Vielfalt, welche die dortige Geographie, Geschichte und Gesellschaft erlauben. Die USA sind ein Land mit allen Variationen und Extremen: Unglaublich kalte Regionen, unglaublich heisse Wueste. Total uebervoelkerte Staedte, total einsame Landstriche. Konservative und Fortschrittliche, Religioese und Atheisten, Porno und Pruederie.
Das ist aus dem kleinen braven homogenen Deutschland heraus natuerlich schwer zu erfassen.