aerzteblatt.de

Stressverbot

Freitag, 25. März 2011
Stressverbot

Man kann leicht den Eindruck gewinnen, dass es heutzutage kaum noch stressfreie Menschen gibt. Die Ausführungen zur Beschreibung desselbigen jedoch variieren sehr stark. Ein jeder empfindet Stress unterschiedlich. Vor allem gibt es neben unterschiedlichen Ursachen auch eine große Varianz bei dem Ausmaß dessen, was zu Stress führt.

So habe ich beispielsweise Freunde, die nicht am selben Tag einkaufen und sich zum Essen verabreden können. Weitere Bekannte von mir schaffen es gar, für ein Grillen abzusagen, weil einer von beiden drei Tage später einen Kontrolltermin beim Arzt wahrnehmen muss. (Übrigens liegt es nicht an meiner Kochkunst oder Gesellschaft. Besagte Beispiele habe ich als Beobachter passiv erlebt).

Den Gipfel dessen aber, was als Stress zu definieren ist, haben sicherlich die Schwestern auf unserer ambulanten Sprechstunde erklommen. Um deren Arbeitsintensität in einer Skala zu fassen, muss man bisweilen einen Minusbereich bemühen.

20 Minuten nach Arbeitsbeginn, gehen die ersten bereits in die Pause. Wenn sie denn auf der Ambulanz anwesend sind, um ihrer arztunterstützenden Tätigkeit nachzugehen, befinden sie sich meist im Smalltalk.

Bleiben sie für diesen länger, schreiben sie sich Extrazeit auf und müssen diese dann später kompensieren. Doch meist gehen sie schon eine halbe Stunde vor offiziellem Dienstende. Rundum gesagt: sie haben einen sehr lauen Job. Auf Station sind wir hier seitens der Pflege derart gut besetzt, dass eine Schwester manchmal nur zwei Patienten betreuen muss.

Dennoch beklagen sich einige von ihnen über den vielen Stress, der von ihrer so belastenden Tätigkeit ausgeht. Als ich dies die ersten Male hörte dachte ich ernsthaft, dass es ein Witz sein soll und man sich so über unsere Rotationsassistenzarzttätigkeit, die statt Pausen Überstunden ohne jegliche Kompensation vorsieht, amüsiert. Doch in der Tat meinten die Kolleginnen es jedes Mal ernst. Sie erwarteten anscheinend sogar von mir Mitleid.

Ich sollte der Pflegedienstleitung vorschlagen, die werten Damen als Erziehungsmaßnahme einen Monat an meiner alten Universitätsklinik, wo während meiner Studienzeit derart viele Stellen zusammengestrichen wurden, dass am Ende „dünne Personaldecke“ bedeutete, dass eine Person eine Station allein pflegte, arbeiten zu lassen. Dagegen müsste ihnen ihre aktuelle Arbeit wie Urlaub vorkommen.

Nun kenne ich viele Menschen, die unter solcher Art von Stress leiden. Man bewertet eine normale Tätigkeit als Belastung und beklagt Stress. Wahrscheinlich leiden diese Personen dann genauso wie wirklich überlastete Menschen und werden sogar krank durch den eingebildeten Stress.

(An dieser Stelle mag ich – wenn es auch nicht dasselbe Thema abdeckt – „Der eingebildete Kranke“ von Molière zu empfehlen). Aus dieser Befürchtung habe ich mir das Wort verboten. Ich habe vielleicht oft viel zu tun und bin schwer unglücklich. ABER ICH HABE KEINEN STRESS!!!

Fühlt sich durch das Gejammer der Schwestern zunehmend gestresst,

Euer Anton Pulmonalis

DiemoSchaller am Montag, 28. März 2011, 16:10
Macht das Sinn?
"Ich sollte der Pflegedienstleitung vorschlagen, die werten Damen als Erziehungsmaßnahme einen Monat an meiner alten Universitätsklinik, wo während meiner Studienzeit derart viele Stellen zusammengestrichen wurden, dass am Ende „dünne Personaldecke“ bedeutete, dass eine Person eine Station allein pflegte, arbeiten zu lassen. Dagegen müsste ihnen ihre aktuelle Arbeit wie Urlaub vorkommen. "

Sie fallen damit auf das "ur-konservative" Motiv herein, Arbeitnehmer und Angestellte gegeneinander auszuspielen.
Es brächte schlicht nichts, "denen man zu zeigen, wie es wirklich zugeht".
Fühlen Sie sich dadurch dann besser?
Sollte es nicht vielmehr darum gehen, die Arbeitsbedingungen an ihrer alten Wirkungsstätte im Hinblick auf Annäherung an die neue, "stressfreie", zu verbessern?

Sie mokieren sich hier leichtfertig und einseitig und spielen damit denen in die Hände, die sich für Ihre Arbeitsbelastung null interessieren und für noch viel zu gering halten.