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Kritik an Amy Chua: Plädoyer für eine Kindheit ohne Drill

Freitag, 18. Februar 2011
Kritik an Amy Chua: Plädoyer für eine Kindheit ohne Drill

Brauchen deutsche Kinder mehr Drill und Disziplin? Über diese Frage wird spätestens seit der Veröffentlichung des Buches von Amy Chua intensiv diskutiert. Sie vertritt die These, dass Kinder beispielsweise in China und Südkorea sehr viel erfolgreicher seien als die von einer „Kuschelpädagogik“ verwöhnten US-amerikanischen Schüler.

Offensichtlich findet sie mit diesen Thesen viel Anklang. So beantworteten in Frank Plasbergs Sendung „Hart aber fair“ 60 Prozent der Anrufer die Frage, ob deutsche Eltern ihre Kinder strenger erziehen und mehr Leistung fordern sollten, mit „ja“.

Doch sind sie sich wirklich im Klaren darüber, dass Schüler auch ohne zusätzlichen Drill bereits jetzt schon genug Druck haben? „Immer mehr Kinder leiden an psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen sowie Verhaltensstörungen“,“ sagte der Zürcher Arzt Remo Largo im Focus (5/2011).

Zudem kann auch durch zahlreiche Studien bestätigt werden, dass Erziehungsmaßnahmen, die zunehmend auf „Runtermachen“ und Unerbittlichkeit beruhen, sehr viel weniger effektiv sind, als solche, die mit positiven Motivationen arbeiten.

Anstatt Südkorea, China und Japan nachzueifern, die zugegebenermaßen beim (oft völlig überschätzten) Pisa-Test sehr gut abgeschnitten haben, da sie die Kinder mit Faktenwissen überladen, sollten diese vielmehr in Problembewusstsein und Selbstständigkeit geschult werden. Und nicht zuletzt sollten sie auch Kind sein dürfen und nicht mit drei Jahren Sartre lesen müssen, wie es Chua von ihrer Tochter verlangte.

Hupfer am Sonntag, 20. Februar 2011, 15:50
Buch nicht gelesen,
aber Fernsehdiskussion gesehen. Und Gedanke hierzu gemacht:

Disziplin kann man durch eine Sportart erlernen, die den Kindern primär Spass macht, ein bisschen Disziplin ist eine feine Sache.
Disziplin und nicht Drill.
dr.med.thomas.g.schaetzler am Samstag, 19. Februar 2011, 12:08
D a s Zauberwort für die Erziehung unserer Kinder ist: 'Liebe'!
"Battle Hymn of a Tiger Mother" ist nichts Anderes, als der martialische Abgesang auf eine schizoid gespaltene US-amerikanische Gesellschaft. So wie die aus China stammende Professorin Amy Chua mit ihrem Buch 'Mutter des Erfolges' ihre Seelen verleugnenden Erziehungsmethoden nur bei einer ihrer beiden Töchter als erfolgreich beschreibt, ist auch die Gesellschaft in den USA gespalten. In Erfolg und Misserfolg, Arm und Reich, Krank und Gesund, Schwarz und Weiß, in konstruktiv und destruktiv, bewaffnet und unbewaffnet, bedeutend und unbedeutend.

Menschen, die in einer Mischung aus Angst und Schrecken, Erpressung und Belohnung zu Kadavergehorsam gedrillt werden, schaffen ein liebevolles, empathisches und glückliches Leben auch nicht mehr mit Hilfe bester Psychoanalytiker/-innen. Da lohnt es sich doch wieder von Alice Miller: "Das Drama des begabten Kindes" zu lesen.

Freundliche, kollegiale Grüße, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM DO