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Falscher Zeh ägyptischer Mumien ermöglicht echtes Gehen

Montag, 14. Februar 2011
Falscher Zeh ägyptischer Mumien ermöglicht echtes Gehen

Nicht die Römer haben die erste menschliche Prothese erfunden. Bereits im Alten Ägypten gab es künstliche Zehen, die ihre Aufgabe auch erfüllten.

Laut Herodot soll Hegesistratus, ein Wahrsager aus dem 5. Jahrhundert v. Chr, eine Prothese getragen haben, und Plinius berichtet von der Eisenhand des Römers Marcus Sergius Silus, der etwa zur gleichen Zeit lebte. Doch Archäologen begegnen solchen literarischen Quellen mit Skepsis.

Die älteste “echte” Prothese datieren sie auf etwa 300 v. Chr: Das Capua-Bein, benannt nach dem Fundort in der Nähe der italienischen Stadt, bestand aus Bronze und Holz. Das Original ging leider bei einem Luftangriff 1941 auf London verloren, doch nach einer Einschätzung des Medizinhistorikers Karl Sudhoff von 1920 könnte es mit Lederbändern an der Hüfte befestigt gewesen sein.

Ob diese Prothese wirklich tragbar war, ist allerdings niemals untersucht worden, berichtet die Ägyptologin Jacky Finch von der Universität Manchester, die bei ihren Recherchen auf zwei wesentlich ältere Prothesen gestoßen ist.

Es handelt sich um künstliche Großzehen, die bei Mumien gefunden wurden. Eine befindet sich im British Museum in London: Der “Greville Chester toe” wurde in einem Grab in Theben, nahe dem heutigen Luxor ausgegraben. Er wird auf 600 v. Chr. datiert. Da er relativ kunstvoll aus einer Art Pappmaché modelliert ist und vermutlich sogar einen falschen Zehnagel trug, hielten die Ägyptologen ihn bisher für eine künstlerische Grabbeigabe ohne funktionelle Bedeutung.

Das gleiche galt für eine weitere Prothese, die im Ägyptischen Museum in Kairo aufbewahrt wird, ein aufwendiges Replikat der linken Großzehe auf Holz und Leder. Ihre Trägerin war Tabaketenmut, eine Priestertochter, die zwischen 950 und 710 v. Chr. ebenfalls in Theben gelebt haben soll, und deren echte Großzehe vermutlich durch eine diabetische Gangrän verloren ging. Dies schließen die Forscher aus der Form des Stumpfes, der von selbst verheilte. Stiche von chirurgischen Nähten fehlen.

Beide Großzehprothesen haben insgesamt acht Löcher für Bänder, mit denen sie irgendwie am Fuß oder an der Sandale befestigt gewesen sein könnten. Für einen täglichen Gebrauch spricht laut Finch die Sorgfalt, mit der die anatomischen Strukturen nachgebildet wurden.

Sie heben sich von anderen Restaurierungsversuchen der Einbalsamierer ab, die immer versucht haben, den Körper des Toten dem Bild des Lebenden anzupassen, dabei aber wenig auf die Anatomie geachtet haben.

Dass Zehen für die normale Fortbewegung notwendig sind, steht außer Zweifel. Etwa 40 Prozent des Körpergewichts lasten auf ihnen, und ohne Großzehe ist das Laufen deutlich erschwert. Ob die beiden Prothesen funktionsfähig waren, hat Finch an Nachbildungen erprobt. Sie wurden zwei heute lebenden Patienten mit amputierter Großzehe angepasst. Ein Proband kam mit beiden Prothesen sehr gut zurecht, berichtet Finch.

Auch wenn die Prothesen die natürliche Flexion des Zehs nicht imitieren konnten, so leisteten sie doch einen wichtigen Beitrag zur besseren Verteilung des Körpergewichts auf dem Fußgewölbe. An einer der beiden antiken Prothesen, dem “Greville Chester toe”, will Finch auch Zeichen der Abnutzung gesehen haben. Damit sei bewiesen, dass die Prothesen alltagstauglich waren.