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Indien: Gewollte und ungewollte Kinder

Mittwoch, 19. Januar 2011
Indien: Gewollte und ungewollte Kinder

Indien – das steht außer Frage – ist ein faszinierendes Land. Ein Land, das seine Besucher aufgrund seiner Farben, Gerüche und kulturellen Diversität nach nur kurzer Zeit in seinen Bann zieht. Gleichzeitig ist Indien ein Land, das trotz seines kontinuierlichen Wirtschaftswachstums vor noch größeren Herausforderungen steht als der Nachbargigant China.

Eine der zahlreichen Herausforderung ist zweifelsohne das rasante Bevölkerungswachstum: wer durch die Straßen und Gassen von Städten wie Delhi oder Bangalore geht, spürt förmlich wie ein Land „aus den Nähten platzt“.

Menschenmassen überall – auf den Märkten, in kleinen Straßenshops, in hunderten von Rikschas, zu mehren hinter- und zum Teil übereinander auf einfachen Motorrädern sitzend, in Kaufhäusern, Eisenbahnen, in Lehmhütten – einfach überall.

Schon heute leben 1,19 Milliarden Menschen verteilt auf 28 Bundesstaaten in Indien. Bis 2050, so Schätzungen, sollen es 1,6 Milliarden Menschen sein - mehr noch als im zurzeit noch bevölkerungsreicheren China (1,35 Milliarden in 2010). 

Die Fertilitätsrate lag 2009 nach Angaben der „Times of India“ im Bundesstaat Bihar bei 3,9. Auch Bundesstaaten wie Utar Pradesh und das bei Touristen beliebte Rajasthan wiesen Raten von mehr als 3 Kindern pro Frau auf. 

Während China Ende der Siebziger Jahre die so genannte Ein-Kind-Politik – vor allem in den Städten praktiziert – einführte, um das dortige Bevölkerungswachstum zu stoppen, unternahm Indien viel zu lange nichts dergleichen.

Erst ganz langsam, vor allem bedingt durch die wachsende Mittelschicht und den damit verbundenen besseren Bildungsstand, scheinen Familien ein Bewusstsein für die ökonomischen Folgen von Kinderreichtum zu entwickeln. 

Auch die Politik erwacht langsam aus ihrem Dornröschenschlag. So hat das Familienministerium vor wenigen Wochen ein Programm gestartet, bei dem Frauen nach der Geburt des ersten Kindes intrauterine Kontrazeptiva eingesetzt werden.

Während in China 60 Prozent aller Frauen intrauterine Kontrazeptiva benutzen, liegt die Rate in Indien derzeit bei mageren zwei Prozent. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Ghulam Nabi Azad äußerte sich überzeugt, dass nur durch eine Eindämmung des Bevölkerungswachstums Bildung, Gesundheit, Hygiene, Unterkünfte, Kanalisation und eine gesunde Umwelt für alle Inder möglich sei. Immerhin, diese späte Erkenntnis ist besser als keine Erkenntnis.