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Nochmals zu Sewering: Ein Wörtchen fehlt

Donnerstag, 15. Juli 2010
Nochmals zu Sewering: Ein Wörtchen fehlt

Der Nachruf, den Dr. H. Hellmut Koch im Bayrischen Ärzteblatt 7-8 einem seiner Amtsvorgänger, Professor Hans Joachim Sewering, widmete, endet mit dem klassichen Satz: "Wir werden den Verstorbenen stets in Erinnerung behalten."

In Erinnerung bleiben Sewerings überragende berufspolitische Verdienste zwischen 1948 und 1992, die Fülle höchster Ämter und Auszeichnungen. Koch zählt sie getreulich auf. Er verschweigt aber auch nicht – beachtlich für das bayerische Standesorgan – die dunkle Seite, Sewerings Rolle in der NS-Zeit. Vor allem spricht er die Vorwürfe an, "durch Überweisung von Patienten der Pflegeanstalt Schönbrunn in die Heil- und Pfleganstalt Eglfing-Haar dem Euthanasie-Programm des Dritten Reiches zugearbeitet zu haben."

Bewiesen im juristischen Sinne ist solches nicht. Wohl aber kommt die historische Forschung voran – das zur Beruhigung von "zornbüttel", der in meinem blog vom 25. Juni ("Hans J. Sewering, hoch gestiegen, tief gefallen") eine explizite Schuldzuweisung vermisst

Dank neu erschlossener Quellen könnte das Schicksal der Pfleglinge von Schönbrunn zwischen 1940 und 1945 und auch die Rolle kirchlicher Einrichtungen bei der Räumung von Schönbrunn gegen Kriegsende zuverlässig geklärt werden. 

Sewering hat, so die bisherige Kenntnis, insgesamt neun Patientinnen von Schönbrunn nach Haar überwiesen, fünf von ihnen starben. Die offene Frage verbleibt, ob Sewering wusste, dass die von ihm überwiesenen Patientinnen umkommen würden. Er sagte stets: nein. In Schönbrunn scheint aber allgemein bekannt gewesen zu sein, dass abtransportierten Pfleglinge innerhalb weniger Wochen verstarben. In diesem Sinne, sehr geehrter "zornbüttel", wird weiterhin nachgeforscht.

In Kochs Nachruf fehlte das übliche Wörtchen "dankbar". Angesichts der Umstände hätte man wohl "zwiespältig" wählen müssen. Aber das ist in einem Nachruf nicht üblich.