aerzteblatt.de

So geht das nicht!

Mittwoch, 23. Dezember 2009
So geht das nicht!

Beinahe täglich lese ich Meldungen, in denen sich Menschen für Verfehlungen entschuldigen. Erst neulich entschuldigte sich Tiger Woods allen Ernstes öffentlich (!) bei seiner Familie. Jürgen Rüttgers beleidigte ganze Bevölkerungen, entschuldigte sich einfach und wiederholte seine Schmähungen daraufhin. Andre Agassi… Egal wie schlimm oder harmlos die Tat war und unabhängig davon wie aufrichtig die Entschuldigung gemeint ist, so geht es doch nicht!

Unsere Erziehung lehrt uns leider, dass die Äußerung des Wortes „Entschuldigung“ Übles reinwäscht. Vermutlich erinnern sich viele Leser nun: man hatte etwas Fieses ausgefressen und ein anderes Kind weinte deswegen.

Und die einzige Konsequenz war, dass die Kindergärtnerin forderte, dass man zu dem weinenden ehemaligen Spielgefährten ging und arg widerwillig „Entschuldigung“ von sich gab. Der Befehl für die Tat lautete dabei „Du musst Dich entschuldigen“. Weinte der Gepeinigte weiter, so hieß es dann: „Hör auf, der Anton hat sich doch entschuldigt.“

Abgesehen davon, dass das Procedere rein menschlich betrachtet mehr als fragwürdig erscheint, ist es auch nach wissenschaftlichen Maßstäben nicht möglich, sich auf diesem Wege zu entschuldigen. 1971 formulierte Goffmann die Kriterien, die eine wahre Entschuldigung ausmachen: 

  1. Zugeben einer Normverletzung
  2. Annahme der Verantwortlichkeit
  3. Kein Versuch der Legitimation
  4. Ausdruck emotionaler Trauer, die als Schuldgefühl angenommen werden kann
  5. Zugeständnis an das Opfer, das es als einziges Verzeihung gewähren oder verweigern kann

Demnach sollten wir demnächst ein wenig bei der Wortwahl aufpassen. Auch wenn man im Deutschen grammatikalisch einwandfrei von sich geben kann: „Ich entschuldige mich.“ ist dies im eigentlichen Sinne praktisch nicht möglich.

Entschuldigt sich für die Belehrung, 

Euer Anton Pulmonalis